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PROLOG
 

Kapitel 1:
Prolog - Die Entdeckung


Lu Yi hielt sich für den größten Entdecker und Wissenschaftler aller Zeiten. Der Rest der Welt betrachtete ihn jedoch seit langem als einen Spinner. Seiner Meinung nach war das, was ihn von den anerkannten Wissenschaftlern unterschied einzig, daß er nicht bereit war, angeblich feststehende Erkenntnisse der Wissenschaft anzuerkennen. Kaum war er an der Marschall-Universität in Huntington angekommen, schon machte er sich mit großem Eifer daran, Blei in Gold umzuwandeln. Daß dieses im krassesten Widerspruch zu allem stand, was in seinen Lehrbüchern zu lesen war, interessierte ihn nicht. Und als er eines Tages selber erkannte, daß sein Unterfangen unmöglich war, da ging er mit der tiefen Befriedigung ins Bett, es immerhin versucht zu haben. Daß es zu diesem Zeitpunkt schon niemanden mehr auf der Universität gab, der sich freiwillig mit ihm abgab, außer ein paar scheingeilen Student, interessierte ihn nicht. Für ihn gab es nur den Wunsch, zumindest eine feststehende Größe der Wissenschaft zu widerlegen - war es auch nur eine ganz kleine. Wenn ihm dies gelänge, so war er sich sicher, dann hätte er es allen Spöttern, die nicht müde wurden, sich ihm gegenüber als ‚ernsthafte Wissenschaftler’ aufzuspielen, gezeigt.

Dann wäre er derjenige, der über alle lachen würde.

Nach einigen Jahren Raubbau an der Freiheit der Wissenschaft erfüllte sich sein Traum. Eines Morgens wachte die Welt auf, und es gab keine Zeitung, kein Magazin und keine Fernsehsendung, wo nicht Lu Yi’s breit grinsendes Gesicht zu sehen war. Schlagartig war er der berühmteste Mann der Welt, oder doch zumindest auf der Erde. Was natürlich nichts daran änderte, daß er tatsächlich ein Spinner war, der einfach großes Glück gehabt hatte. Doch das wusste die Welt zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Medien machten aus Lu Yi den größten Entdecker aller Zeiten.
Wenn er in Talkshows ankündigte, das mit dem Blei und dem Gold auch noch hinzubekommen, wurde es als der atemraubende Humor eines großen Mannes ausgelegt. Doch es sollte kein Jahr mehr vergehen, bis Lu Yi im Central Park von New York aufgegriffen werden sollte, der nackte Körper komplett mit einer schon vor Tagen hart gewordenen Nuß-Nougat-Creme überzogen und eilig stets den selben Busch mal im Kreis, mal im Viereck umrundend.
„Es geht... es geht...“, rief er bei jeder Runde. Seine Einweisung noch am selben Abend war in den Zeitungen nur noch ein Randnotiz. Nur einige ernsthafte Wissenschaftler nahmen sie genugtuend zur Kenntnis. Sie hatten es schließlich schon vorher gewusst. Spätestens jetzt wären sie überzeugt gewesen, daß es einen Gott gibt.

Die Entdeckung Gottes durch Lu Yi hatte die Welt verändert. Fachleute ginge davon aus, daß diese wissenschaftliche Leistung noch weit vor dem Feuer, dem Rad oder dem linksdrehenden Yoghurt anzusiedeln sei.
Natürlich hatten Philosophen lange vor Lu Yi versucht, die Existenz eines Gottes zu beweisen, oder auch seine Nichtexistenz. Schon Aristoteles argumentierte um 330 vor Christus, daß die Welt nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung einen Urheber haben müsse. Descartes hatte es mit Logik versucht, oder besser mit einer betriebwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung. Doch Dank eines Zufalls war es Lu Yi gelungen, die Tarnung Gottes auffliegen zu lassen.
Insbesondere die Kirchen vertraten die Ansicht, alles, somit auch dieses, sei auf göttliche Fügung zurückzuführen und es habe nun einmal so sein sollen. Einige vertraten allerdings die Ansicht, daß vielmehr eine auf Routine beruhende Unachtsamkeit des im übrigen natürlich unfehlbaren Gottes der Grund war. Hieraus jedoch den Schluss zu ziehen, daß damit der Mensch bewiesen habe, daß er Gott überlegen sei, glaubten nur wenige stock-konservative Atheisten, die einfach nicht einsehen wollten, daß sie sich geirrt hatten.

Es war einige Jahrzehnte nach der 2. Jahrtausendwende der nachchristlichen Zeitrechnung, als Gott mal wieder das Bedürfnis hatte, irgend jemandem erscheinen zu wollen. Und da ihm eine einzige einsame Erscheinung, eventuell sogar vor einem Priester mit Schweigegelübde, dem multimedialen Zeitalter nicht mehr angepasst erschien, sollten es gleich zwei Dutzend Erscheinungen gleichzeitig auf der Welt sein. Mehr, als jemals zuvor.
Alles lief auch wunderbar. In den abgelegensten Gegenden ließ er mal einen Rosenstrauch hell auflodern, ließ Flüsse aufbäumen und Blitze zucken. Dabei erbat er in wenigen knappen Worten mit einer ehrfurchteinflößenden dunklen Stimme, den Weltfrieden und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Natürlich würde niemand den Beobachtern dieses Schauspiels glauben, wenn sie es denn nicht selbst als eine Form des Marketings für ein neues Softgetränk verstanden. Und so hätte sich Gott beruhigt zurückziehen und sein nächstes Schauspiel mit noch mehr Erscheinungen vorbereiten können, wenn da nicht Lu Yi zufällig in zehn Meter Entfernung mit einer Pina Colada in der Hand gestanden hätte, als einer kleinen Gruppe Einheimischer in der Steppe Mexikos von einem halb verfaulten Kaktus der Weltfrieden angeboten wurde. Alle glaubten an einen Scherz von Kindern oder ein nicht abgeschaltetes Autoradio. Nur Lu Yi war sich spätestens nach drei weiteren Pina Coladas sicher, eine echte Erscheinung gehabt zu haben.

Lu Yi war gerade auf Empfehlung einiger Kollegen an einer für diese gerade noch weit genug entfernten neu eröffneten Universität angestellt worden. Innerhalb von 24 Stunden gelang es ihm so, die kompliziertesten Apparaturen und Gerätschaften des beginnenden dritten Jahrtausend rund um den Kaktus zu postieren. Und tatsächlich entdeckte er hierbei nicht nur eine längst als ausgestorben vermutete Milbenart, sondern auch einige Reste einer seltsamen Energieentladung, die mittels noch komplizierterer Technik von der NASA bis hinauf in den Himmel und darüber hinaus zurückverfolgt werden konnte.

Von da an ging alles ganz schnell. Schneller als daß Gott noch hätte reagieren können. Bibelforscher und Historiker stellten Listen der möglichen Erscheinungen der letzten 2000 Jahre zusammen, weitere wichtige Apparate wurden an diese Ort verbracht und an vielen entdeckte man mehr oder weniger starke Energiemuster, die von der selben Stelle hinter dem Himmel herzurühren schienen.

Die Weltöffentlichkeit war schier aus dem Häuschen. Kein Tag, an dem nicht Sonderbeilagen zu den großen Tageszeitungen mit den neuesten Erkenntnissen und Enthüllungen gedruckt werden mußten. Aliengläubige setzten sich spitze Hütte aus gold- oder silberfarbenem Papier auf. Die Kirchen organisierten Demonstrationen, um die lästerlichen Forschungen augenblicklich zu stoppen, konnten sich aber gleichzeitig kaum vor Neueintritten retten. Wer konnte schon vorhersagen, welche der Weltreligionen nun am Ende Recht behalten würde?

Gott war enttarnt. Neueste Messungen zeigten unzweideutig, daß er da war. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als zum ersten Mal wieder seit vielen tausend Jahren eine an alle Menschen gerichtete Rede zu halten. Vielleicht hätte er die Forschungen noch um einige Jahrhunderte verzögern können. Aber auch er war das Versteckspiel leid. Seit es die Menschheit gab, versuchte er den Weltfrieden durchzusetzen. Doch nichts gelang. Die Menschheit wurde nicht friedlicher. Und so war es an der Zeit, etwas Neues zu versuchen.

Und so sprach Gott in allen Sprachen: „Meine Liebe ist in Euch allen“.

Gott war noch nie ein Freund langer Reden gewesen, aber diese Worte reichten, um die Menschheit in seinen Bann zu ziehen. Und die Menschheit begann nachzudenken. Und je länger sie nachdachte, um so mehr geriet sie in Streit darüber, was es bedeuten sollte. Aber Gott hatte ja noch ein Ass im Ärmel.