Lehre

Kapitel 7: Die Lehre Beginnt

Es galt für Gott, das Problem zu lösen, dass Immanuel regelmäßig Teuger treffen konnte, ohne dass es nach Verführung Minderjähriger aussah. Vor 2000 Jahren führte ein Verschwinden auf Jahrmärkten noch nicht zu landesweiten Fahndungen und man konnte nach einem Crashkurs im Gottes-Sohn-Sein den Jungen bequem wieder bei religiösen Menschen absetzen. Viele Fragen wurden dann nicht mehr gestellt. Diese Zeiten waren jedoch spätestens mit dem Einzug der modernen Medien vorbei und auch ein Gott musste da andere Wege einschlagen.

Die Lösung war Klavierunterricht. Dass Teuger absolut unmusikalisch und über drei Blockflötenstunden in der Grundschule nie hinausgekommen war, störte dabei nicht. Schließlich war Immanuel Gottes Sohn. Dem musste man das Klavierspielen nicht beibringen. Die Aufgabe war es mehr, ihm klar zu machen, dass er nicht schon beim ersten Vorspielen Schönbergs Opus 19 Nr. 4 perfekt präsentierte. Understatement war notwendig.

Doch bis dahin war noch einige Logistik erforderlich. Erneut nutzte Gott die Schwiegermutter von Angela als Medium. Es brauchte nur eines Mittagsschlaftraums von adrett gekleideten kleinen Chopins, die bei tosendem Applaus auf einer Weihnachtsfeier spielten; sie besuchte noch am selben Nachmittag Angela zu Hause, um ihr spontan die praktisch nicht zu überschätzende Bedeutung von Klavierstunden mitzuteilen.
Angela hielt dem Trommelfeuer von Argumenten gerade fünf Tage stand. Schließlich gab sie ihre Pläne von einem autark über seine musische Zukunft entscheidenden Kind auf, nahm noch im Beisein der Schwiegermutter die örtlichen Gelben Seiten zur Hand und telefonierte die dort verzeichneten Klavierlehrer ab. Dass die ersten fünf seltsamerweise nicht zu erreichen waren, war das Glück des Sechsten.

Am darauf folgenden Montag stand sie mit Immanuel in Teugers Wohnung.

Teuger hatte an diesem Tag keinen schönen Morgen gehabt. Wie ein aufgeschreckter Stier war er unmittelbar nach dem Aufstehen durch sämtliche Zimmer gestürmt und mußte erkennen, dass nahezu alle über viele Geburtstags- und Weihnachtsfeiern angesammelten Kunstdrucke mittlerer Preisgruppe Portraits von Brahms, Mozart, Bruckner und einem kleinen untersetzten Mann, den er noch nie gesehen hatte, gewichen waren. Der Fernseher und ein Teil der Sitzgarnitur im Wohnzimmer waren durch einen riesigen weißen Flügel ersetzt worden, dessen Deckel halb geöffnet war, als wollte er ihn hämisch zur Begrüßung angrinsen. Und seine fein säuberlich in den Zimmerecken drapierten Sammlungen von „Der Spiegel„ und Stiftung-Warentest-Heften waren nun Stapel vergilbter Notenblätter. Ein Blick auf das Türschild, das nunmehr neben seinem Namen noch einen Notenschlüssel aufwies, hatte ihn mit der schrecklichen Gewissheit konfrontiert; es war tatsächlich noch seine Wohnung. Stoßgebete in dieser Situation wären nur als Bestätigung aufgefasst worden und so unterließ er sie.

"Dies ist der kleine Immanuel. Wir hatten ja telefoniert." Angela zog den Jungen einige Meter weiter in die Wohnung hinein, sich einen Moment lang wirklich dem Gedanken hingebend, es könnte das Beste für das Kind sein. "Schön haben Sie es hier", fuhr sie fort, das Gezerre an ihrem Arm so gut wie möglich ignorierend.
Teuger grummelte etwas, das ganz und gar nicht wie eine Bestätigung klang. Angela achtete nicht darauf: „Ich komme dann in einer Stunde und hole ihn wieder ab. Du wirst sehen, Immanuel, es wird dir riesigen Spaß machen. Ich weiß das, ich hatte auch Klavierstunden.„ Ihre Worte klangen nicht sehr überzeugend. Aber noch bevor Immanuel reagieren konnte, war sie auch schon wieder draußen und verschwunden.

Teuger und Immanuel starrten einige Sekunden lang stumm die soeben krachend ins Schloss gefallene Haustür an.

Immanuel spürte, dass die Situation dem fremden Mann neben ihm genau so unangenehm war, wie ihm selbst. Das beruhigte ihn.

"Willst du eine Cola?" brach Teuger das Eis. Immanuel nickte. "Gut, dann setz dich schon mal ins Wohnzimmer. Ich komme sofort."
Als Teuger das Wohnzimmer betrat, saß da ein kleines siebenjähriges Häufchen Elend auf einem viel zu niedrig eingestellten Schemel vor dem Klavier und starrte ihn ängstlich an.
Teuger stellte die beiden Gläser mit Cola auf dem Wohnzimmertisch ab. "Dazu kommen wir später. Setz dich erst einmal hier zu mir. Wir müssen reden."
Zögernd erhob Immanuel sich und schlurfte zur Sitzgarnitur hinüber, den Blick von Teuger meidend.
"Kann es sein, dass du gar keine Klarvierstunden haben willst?" fragte Teuger ihn, als sich beide gesetzt hatten und sich nach den Cola-Gläsern streckten. Immanuel nickte. "Gut", Teugers Stimmung besserte sich. "Ich hab darauf auch keine Lust. Ich kann nämlich gar nicht Klavierspielen." Immanuels Gesichtsausdruck wurde nicht glücklicher, aber interessierter. "Ich meine, wahrscheinlich würde es großartig klingen, wenn ich mich jetzt einfach an das ...", Teuger schrie die nächsten Worte so laut, dass Immanuel erschrocken zusammenzuckte, "... überhaupt nicht in diese Wohnung passende Klavier dort drüben setzen und losspielen würde", seine Stimme beruhigte sich wieder. "Aber das wäre nicht ich, der da spielt. Na ja, wahrscheinlich wäre schon ich es, der spielt, aber ich würde es gar nicht können, obwohl es so klingen würde, als könnte ich es. Verstehst du mich?" Teuger war sich der Sinnlosigkeit der Frage bewusst. Immanuel nickte verschüchtert.
Teuger fuhr fort: "Ich befürchte, dass du das noch nicht verstehst. Aber deshalb bist du ja hier, damit ich dir ein paar Dinge erklären kann. Und die haben zu deinem Glück überhaupt nichts mit Noten und Tasteninstrumenten zu tun. Das ist doch schon mal was, oder?"
Immanuel nickte erneut. Hilfesuchend scannten seine Augen nach Türen und Fenstern.
"Ich habe mir überlegt, dass es das Beste ist, gleich mit der Wahrheit zu beginnen. Ich halte nicht viel davon, lange um den heißen Brei herumzureden. Wir überspringen sozusagen den Klapperstorch und die Blumen und Bienchen." Immanuel machte nicht den Eindruck, als wenn er verstünde, was Teuger sagte. Teuger ließ sich davon nicht beeindrucken.
"Weißt du, wer Gott ist?"
Immanuel nickte.
"Dann beschreib ihn mal."
Immanuel erkannte, dass dies eine Stelle war, die er nicht mehr mit Kopfnicken überwinden konnte. Teuger sah ihn aufmunternd lächelnd an. Immanuel duckte sich einige Zentimeter, schluckte zweimal und flüsterte: "Gott wohnt im Himmel und guckt zu uns runter."
Zu seinem Schrecken hörte das aufmunternde Lächeln des Mannes neben ihm nicht auf. "Und wenn ich artig bin, dann ist Gott auch artig zu mir." Immanuel kam langsam in Fahrt. "Und er weiß alles und sieht alles und wer nicht an ihn glaubt, der kommt nicht in den Himmel." Angela hatte es nicht gänzlich verhindern können, dass ihre Schwiegermutter einige Male ihren Sohn zum Babysitten übernommen hatte.
"Okay. Das ist doch schon mal ein Anfang", log Teuger. "Du weißt also auch, dass Gott besondere Kräfte hat, mit denen er wundersame Dinge machen kann. Oft zum Wohle der Menschen." Mehr Lobpreisung konnte Gott nicht von ihm verlangen.
Immanuel war froh, wieder nur nicken zu dürfen.
"Und du bist Gottes Sohn und hast viele dieser Kräfte auch."
Immanuel nickte unaufhörlich weiter, wie ein Psychiater, der es für ratsam hielt, seinen Patienten nicht zu unterbrechen.
"Hast du mich verstanden?"
Ungerührtes stetiges Nicken.
Teuger sah seine Schocktherapie gescheitert. Dann mußte eben Plan B her.
"Hast du manchmal das Gefühl, Dinge zu können, die andere in deinem Alter nicht können?" fragte Teuger. Immanuel stellte das Nicken ein und sah ihn mit großen Augen an. Der Junge schien nachzudenken.

Nachdem drei Minuten lang nichts passiert war, unterbrach ihn Teuger im Denkprozess und half etwas nach: "Kannst du dir vorstellen, dass dieses Cola-Glas dort schweben kann?" Teuger griff nach dem Glas vor ihm und hielt es demonstrativ mit zwei Fingern in Höhe von Immanuels Gesicht. Dieses Mal schüttelte Immanuel den Kopf.
"Du musst nur fest daran glauben. Konzentrier dich und stell dir vor, wie dieses Glas hier schwebt. Denk nur an das schwebende Glas und an nichts anderes", beschwor ihn Teuger. Es lag ihm auf der Zunge etwas von 'Du musst Eins werden mit dem Glas' zu sagen, ließ es aber wegen zu viel Pathos sein.
Immanuel starrte ihn fragend an.
"Doch, glaub mir. Dieses Glas kann schweben, wenn du es nur willst. Probier es aus. Guck das Glas an." Immanuel guckte Teuger an. "Guck das Glas an", wiederholte Teuger energischer. "Fixier das Glas." Er war sich nicht ganz sicher, ob Immanuel wusste, was Fixieren war, aber immerhin sah er nun auf das Glas. "Denk an schwebende Gläser. Dieses Glas wird ganz leicht. Siehst du, wie leicht das Glas wird?" Immanuel regte sich nicht, wie auch das Glas keine Regung zeigte. "Es wird immer leichter. Ich spüre es. Je länger du darauf schaust und an das schwebende Glas denkst, umso leichter wird es in meiner Hand." Immanuel schien sich nun tatsächlich auf das Glas zu konzentrieren. "Wie eine Feder, so leicht wird das Glas. Und wenn ich es jetzt loslasse, dann wird es weiter schweben, hier direkt vor deinen Augen. Es wird schweben, als wenn ich es noch an unsichtbaren Fäden halten würde. Kannst Du sehen, wie es schwebt? Dann lasse ich es jetzt los." Teuger ließ das Glas los und, ohne zu zögern, sauste es zu Boden, ditschte zwei mal wie ein klirrender Flummie auf, zersplitterte in tausend Teile und hinterließ einen großen braunen Cola-Fleck auf dem Teppich. Teuger nahm sich vor, von nun an solche Übungen nur noch mit leeren Pappbechern auszuprobieren.

Beide starrten auf den Fleck zu ihren Füßen.

"Na ja, für einen kurzen Moment sah es so aus, als hätte es sich halten können ...", beruhigte sich Teuger. Immanuel war sich trotz seines jungen Alters nunmehr sicher, es mit einem Irren zu tun zu haben und wollte nur noch Eines. "Ich will zu Mama", schrie er und sprang auf.
"Sie kommt ja gleich und holt dich ab. Aber hör mir bitte erst einmal zu", versuchte Teuger ihn zu beruhigen. Doch Immanuel hörte ihm nicht zu: „Ich will zu Mama. Sofort!„ schrie er noch lauter und erste Schluchzgeräusche gesellten sich hinzu.
"Nun beruhig dich doch. Ich will dir doch nichts Böses", schrie nun auch Teuger und tat damit das Seine, die Überzeugung bei Immanuel zu festigen, dass er hier sofort weg musste.
"Mama!" schluchzte Immanuel und rannte in Richtung Tür. Teuger stürmte ihm hinterher, das zweite Cola-Glas ebenfalls umstoßend und zu Boden befördernd. Beide Flecken vereinigten sich.

Der Zufall wollte es, dass die Wohnzimmertür klemmte. Teuger wollte sie schon lange repariert haben, hatte sich aber mit der Zeit so an das Klemmen gewöhnt, dass er befürchtete, sie im Fall einer Reparatur beim ersten unachtsamen Hinausgehen aus den Angeln zu reißen.
Immanuel wusste hiervon natürlich nichts. Und als sich die Tür nicht beim ersten Ziehen öffnete und auch hektisches Rütteln nichts half, packte ihn die nackte Panik. Er schrie und tobte und riss in Rage immer mehr an der Tür. Dass Teuger ihn von hinten packte und von der Tür wegzuzerren versuchte, trug nicht zur Deeskalation der Lage bei. Ganz im Gegenteil erreichte die Todespanik bei Immanuel nunmehr ihren Höhepunkt. Teuger hatte ihn gerade einen Meter von der Tür weggeschleift und brüllte etwas wie „Nun beruhig dich doch„ und „Sei bitte ruhig, ich will dir doch nichts Böses„, als es einen ohrenbetäubenden Knall gab, feiner weißer Staub die Sicht behinderte und Kalkgeruch das Zimmer durchflutete.

Stille kehrte ein, als sich allmählich der Staub lichtete. Wo sich gerade noch die Tür befunden hatte, klaffte nunmehr ein weites, nahezu perfekt rundes Loch. Von der Tür war nichts mehr zu sehen außer eines Häufchens brauner Holzspäne, in dessen Mitte sowohl ein Messing-Imitat-Schloss wie auch ein Türgriff lagen. Daneben türmten sich an beiden Seiten ähnlich hohe Häufchen aus Resten von Kalk, Stein, Leim und Tapete auf. Das Bild von Beethoven war heruntergefallen.

Teuger war der Erste, der sich aus der Lethargie des Schreckens befreite: "Das mit dem schwebenden Glas hätte ich bevorzugt ..."
Immanuel sah Teuger schuldbewusst an, auch wenn er nicht ganz sicher zu sein schien, ob er wirklich der Urheber des Lochs in der Wand war. Teuger versuchte ihn zu beruhigen, vermied es aber, den Jungen erneut zu berühren: "So etwas kann passieren, wenn man sich nicht unter Kontrolle hat. Zumindest kann es Kindern mit Gotteskräften passieren. Wollen wir uns nicht doch wieder setzen und ein wenig darüber reden? Dir ist schon klar, dass derartig pulverisierte Türen und zerlegte Wände nicht zum normalen Quengel-Repertoire eines Siebenjährigen gehört, oder?"
Immanuel folgte ihm widerstandslos zum Sofa. Teuger fegte mit der Hand den Staub vom Polster und beide setzten sich. Eine kleine Staubwolke stob hervor und Teuger hoffte inständig, dass Gott sich seiner Verantwortung für Taten seines Sohnes bewusst war.
"Was ist passiert?" fragte Immanuel mit heiserer, vom Staub belegter Stimme. "War das wirklich ich?"
Teuger lächelte ihn väterlich an. "Ich befürchte ja. Du bist eben etwas ganz Besonderes. Okay, jedes Kind ist wahrscheinlich etwas ganz Besonderes. Meine Tochter war auch etwas ganz Besonderes ..." Teuger zwang sich den Satz ohne Pause weiterzuführen, "... aber du hast Kräfte, von denen du wahrscheinlich nicht einmal jetzt auch nur ansatzweise eine Ahnung hast. Zumindest vermute ich das, denn dein Vater …", er machte eine bedeutungsschwangere Pause, "... nämlich Gott, hat mir nicht viel dazu verraten. Er hat mich gebeten, dich ein wenig dabei zu unterstützen, deine Kräfte zu erkennen und zu kontrollieren. Solche Löcher wie dieses ...", er nickte dorthin, wo vor einigen Minuten noch seine Wohnzimmertür gewesen war, "... findet eigentlich niemand wirklich toll. Daher haben wir uns diese Klavierstunden ausgedacht. Da kannst du regelmäßig vorbeikommen und ich kann dir ein paar Dinge über das Gottsein erklären. Was hältst du davon?"
Immanuel hatte nicht die geringste Ahnung, was er davon halten sollte. Aber die Ereignisse der letzten Minuten ließen sich nicht wegdenken und er spürte schon einige Zeit lang, dass er Kräfte haben könnte, die andere nicht hatten. Dennoch klang das alles für einen Siebenjährigen, selbst wenn er göttlichen Ursprungs war, sehr sehr seltsam.
"Warum willst du das machen? Hast du denn auch solche – äh – kannst du denn auch solche Dinge machen?" fragte Immanuel und fand, dass es eine gute Frage war, um entscheiden zu können, ob er diesem seltsamen Mann trauen sollte oder lieber nicht.
"Das ist eine gute Frage", bestätigte ihn Teuger. "Nein, ich habe diese Fähigkeiten nicht. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Aber ich habe mal Theologie gelernt und war mal Pastor und habe daher einige kluge Bücher gelesen, die sich mit Gott beschäftigen. Wahrscheinlich hat mich dein Vater deswegen hierfür ausgesucht. Obwohl, so richtig weiß ich es auch nicht. Aber er wird schon seine Gründe gehabt haben. Und so viele andere Götter und wirkliche Gotteskinder mit Sonderfähigkeiten wirst du auf der Erde nicht finden."
Immanuel schien dieses tatsächlich ein wenig zu beruhigen.
"Ist denn Papa nicht mein Papa?" bohrte Immanuel nach.
Teuger stockte. Er versuchte ein möglichst nachdenkliches Gesicht zu machen. "Doch, wahrscheinlich schon." Er fand sich nicht sehr überzeugend. "Ich meine, ich weiß es nicht genau, wie die technischen und biologischen Vorgänge waren. Gott war, was das anging, nicht sehr gesprächig. Dein Papa ist sicherlich auch irgendwie dein Vater. Du hast eben zwei Väter." Teuger stockte erneut. "Ist das nicht eigentlich toll? Da bekommt man dann doppelte Weihnachtsgeschenke ..." Teuger lächelte, musste aber aus Immanuels Gesichtsausdruck ablesen, dass dieser das durchaus ernst zu nehmen schien. "Ich meine das natürlich als Witz. Ich weiß nicht, ob Gott Weihnachtsgeschenke macht ..." Teuger wusste, dass er albern klang. "Ist ja auch egal. Darauf kommt es auch gar nicht an. Du hast besondere Fähigkeiten und musst lernen, damit umzugehen. Nach der Ansicht von Gott soll ich das machen und nicht deine – äh – Eltern. Die sollen wohl erst einmal gar nicht erfahren, dass du diese Fähigkeiten hast. Kurz: du kommst regelmäßig zu den Klavierstunden zu mir, wir machen alles außer Klavierspielen und zu Hause erzählst du allen – wirklich allen – dass du tolle Klavierstunden hast. Okay?"
Immanuel war die Sache noch immer nicht geheuer. Aber er war neugierig darauf geworden, was das ganze bedeuten sollte. Wie die meisten anderen Siebenjährigen war Immanuel von Superhelden begeistert. Die Aussicht, eventuell selbst einer zu sein, war da natürlich sehr verheißungsvoll. Dieses überwand seinen Skrupel gegenüber dem seltsamen Mann.
"Okay", bestätigte Immanuel zaghaft.
Teuger streckte ihm seine rechte Hand entgegen: "Dann ist es abgemacht. Kein Wort zu niemandem. Und Löcher in Wänden bis auf weiteres nur nach Aufforderung. Außerhalb dieses Hauses bist du ein ganz normaler Junge."
Immanuel bewegte seine Hand nur sehr zögerlich. Doch Teuger kam ihm auf halben Weg entgegen, ergriff sie und schüttelte diese so wild, als müsste er sich selbst etwas beweisen.

Es klingelte an der Haustür.

Teuger und Immanuel zuckten zusammen und rissen die Hände auseinander.
"Du kannst wahrscheinlich noch nicht die Unordnung hier bereinigen?" fragte Teuger und war eher beruhigt als Immanuel dieses durch ein energisches Kopfschütteln verneinte. Wer weiß was herausgekommen wäre, hätte der Junge es versucht.
"Auch gut. Dann müssen wir eben schnell sein."
Es klingelte erneut.
Die beiden bahnten sich einen Weg über die Kalk- und Holzreste in den Flur. Teuger nahm kurz Maß für die richtige Position, um möglichst viel von dem Wohnzimmereingang zu verdecken und deutete Immanuel die Tür zu öffnen.

Angela beachtete weder Teuger noch dessen Wohnung, sondern fixierte einzig ihren Sohn mit weit ausgebreiteten Armen. "Na Kleiner. Lass dich drücken und erzähl, wie es war."
Immanuel stürmte, wie ihm geheißen war, auf seine Mutter zu und wurde sogleich aufs Innigste geherzt und geknuddelt.
"Es war eine sehr schöne Klavierstunde", sprach Immanuel wie auswendiggelernt. Doch Angela achtete nicht auf irritierende Kleinigkeiten. Zu sehr entsprach dieser Satz ihrer Hoffnung, als dass sie sich mit Zweifeln belasten wollte.
"Das freut mich sehr", sagte sie umso ehrlicher. "Dann nächste Woche gleiche Zeit?" Zum ersten Mal sah sie Teuger an, der etwas unnatürlich ausgebreitet zwischen den Flurwänden hing.
"Sehr gerne", bestätigte dieser.
Angela drehte sich zum Gehen um, immer noch Immanuel fest umklammernd, als sie sich noch einmal Teugner zuwendete: "Ach ja. Ich kann doch sicherlich einmal kurz Ihr Bad benutzen, oder?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, hangelte sie sich geschmeidig an dem verdutzten Teuger vorbei, passierte eine frisch erschiene, nur angelehnte, etwas abgewetzte Wohnzimmertür und verschwand in dem daneben gelegenen Bad.

Als Teuger einige Minuten später, nachdem sich Angela und Immanuel endgültig verabschiedet hatten, erneut sein Wohnzimmer betrag, waren zu seiner Enttäuschung die Klavierlehrerausstattung, wie auch die Cola-Flecken und die zerbrochenen Gläser weiterhin vorhanden.
"Wenn du schon dabei warst, hättest du das auch noch bereinigen können", schrie er laut an die Decke. Doch die Decke antwortete nicht.
Den Rest des Tages verbrachte Teuger außerhäusig in einigen seiner Lieblingskneipen. Er bedauerte es, dass er seinen Kneipenkumpeln, die sonst nur so depressive Geschichten von ihm gewohnt waren, nicht erzählen konnte, dass er an diesem Tag eigentlich ganz zufrieden mit sich war.


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