Klavierstunden

Kapitel 8: Klavierstunden

Es war 03:15 Uhr als das Telefon klingelte. Als es um 03:30 Uhr trotz angeschlossenem Anrufbeantworter noch immer zu hören war, entschied sich Teuger doch dafür, ranzugehen.
„Wer um Gottes willen …“, pollterte er los.
„Dir auch einen schönen guten Morgen“, erklang die sanfte Stimme von Gott.
Doch Teuger konnte er so nicht beruhigen. „Weißt du eigentlich wie viel Uhr es ist?“
„Ja.“
Teuger wurde ungehalten: „Warum nutzt du das Telefon?“
Gott spielte verwundert: „Warum sollte ich das Telefon nicht nutzen?“
„Weil … weil … ein Gott telefoniert nicht. Das passt nicht. Du erscheinst Leute als brennender Busch oder auf einem Berg. Du sprichst einfach. Moses hast du doch auch nicht auf seinem Handy angerufen.“
„Der hatte noch kein Handy. Das ist schon einige Jahrtausende her.“
„Werd jetzt nicht spitzfindig …“
„Wäre es dir lieber gewesen, eine Stimme hätte einfach plötzlich zu dir gesprochen?“
„Ja … nein … ich weiß auch nicht. Ich bin gerade eingeschlafen gewesen … Was willst du?“
Gott ließ eine Sekunde der Besinnung verstreichen. „Es war keine gute Idee, Immanuel gleich die ganze Wahrheit zu erzählen.“
„Er kann damit umgehen“, sagte Teuger bestimmt.
„Er ist sieben Jahre alt.“
„Aber er ist Gottes Sohn. Wäre es dir lieber, er entdeckt seine Kräfte zufällig bei einem Schulausflug in einen Atomkraftwerk?“
„Nein. Aber so ist es auch nicht gut. Kinder in diesem Alter wollen spielen. Kennst du einen Siebenjährigen, dem du etwas verbietest und der es nicht gerade deswegen doch tut? Ich kann gar nicht so schnell die Folgen seiner Versuche wieder bereinigen, bis er schon etwas Neues ausgeheckt hat.“
„Oh …“ Teuer wurde leiser. „Das tut mir leid.“
„Mir auch. Kannst du dir vorstellen was es für ein Aufwand ist, ganze Lehrerkollegien zurück aus der Sahara zu holen, nur weil der Buchstabe W mit dem Wort ‚Wüste‘ erklärt wurde? Außerdem soll sich auch noch niemand mehr daran erinnern können. Dematerialisierte Mädchentoiletten sind dagegen noch eine unbedeutende Fingerübung. Ich habe auch noch andere Dinge zu tun, als mich ständig um Immanuel zu kümmern. Beim letzten Mal war das alles einfacher.“
„Es ist dein Sohn“, konterte Teuger. „Und Väter haben Verantwortung. Ich sollte ihn in die Lehre nehmen, nicht sein Babysitter sein.“
In der Leitung knackte es. Dann kam ein Besetztzeichen. Teuger starrte ungläubig den Hörer an.
„Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen. Du weißt, dass du da gegen mich den Kürzeren ziehen musst“, sagte der Gummibaum.
Teuger zuckte erschrocken zusammen. Das Telefon knallte auf den Boden und der Akku sprang knackend heraus.
„Ich habe schon alles arrangiert“, fügte Gott hinzu.
Teuger setzte sich. Ihm schwante Böses. „Ich höre …“
„Spontan wurde ein Schulkonzert wegen des Besuchs der englischen Königin kommende Woche angesetzt.“
„Die englische Königin besucht eine Grundschule in Eckernförde?“
„Ja. Sie schuldet mir noch etwas. Ist schon einige Zeit her … Und Immanuel soll Klavier spielen. Was für ein Zufall, was?“ Gott schien zu lachen. Es klang aber eher wie, als wenn ein hohler Baumstamm einen Abhang hinunterrollt. Dumpf und bedrohlich. Teuer ignorierte es. „Er hat für den Rest der Woche frei bekommen, damit er üben kann.“
„Und das kommt keinem seltsam vor?“
„Nein. Warum auch? Wann ist hier schon mal eine echte Königin vorbeigekommen. Und Prinz Charles und die Kinder …“
„Dicker ging es nicht, oder?“
„Nicht viel … aber so denkt keiner nach. Genial, oder?“
Teuger schwieg.
„Wie auch immer …“, fuhr Gott fort. „Immanuel kommt morgen um 08:00 Uhr zum Unterricht. Vier Tage Crashkurs. Das reicht, um ihn zu beruhigen, oder?“
„Nein.“
„Nein?“
„Nein! Ein Kind ist doch kein Angestellter, dem man in einem Wochenendkurs die Grundzüge der Tätigkeit eines Datenschutzbeaufragten einpaukt.“
„Du kriegst das schon hin!“
„Unmöglich“, schrie Teuger den Gummibaum an. Doch der Gummibaum schwieg. Auch nach weiteren „Unmöglich“-Attacken blieb er still.

Mit den Nerven am Ende trottete Teuger zurück ins Bett. Doch Schlaf fand er diese Nacht nicht mehr.

Pünktlich um 08:00 Uhr klingelte es an der Tür.

Kurzes Geplänkel mit Angela über das heutige Bildungssystem und wie albern doch Königshäuser in der heutigen Zeit seien, dann saßen Teuger und Immanuel wortlos auf dem Sofa im Wohnzimmer und starrten das Klavier an.
„Welchen Teil unserer Abmachung, dass du deine Fähigkeiten nicht draußen einsetzen sollst, hast du nicht verstanden“, fragte Teuger schnippisch.
Immanuel zog es vor schuldbewusst zu schweigen.
„Ich kann ja verstehen, dass es dich reizt, das alles auszuprobieren. Ich war ja auch einmal jung.“ Es erschrak ihn, dass er tatsächlich einmal so etwas sagen würde. Plötzlich fühlte er sich unendlich alt. „Wie soll ich dir das begreiflich machen? Du hast diese Fähigkeiten ja nicht zum Spaß. So etwas muss man sinnvoll einsetzen!“
Immanuel wachte auf. „Wieso denn nicht? Ferdinand aus meiner Klasse kann toll ganz viele Bälle in die Luft werfen und das macht er auch nur zum Spaß. Und seine Eltern finden das sogar toll, dass er das macht.“
Teuger seufzte. Der Junge war nicht nur schwer belehrbar, er war auch noch verdammt altklug. Und er konnte nicht einfach die Super Nanny von RTL anrufen. Eine stille Treppe war das Letzte, was jetzt weiterhalf.
„Aber Ferdinand kann nur mit Bällen gut umgehen. Du kannst alles – außer vielleicht auf mich hören. Das ist ein gehöriger Unterschied.“
„Aber als Kind habe ich ein Recht darauf, Spaß zu haben“, schrie Immanuel auf. „Das sagen die im Fernsehen auch immer.“
Teuger brach innerlich zusammen. Wenn es noch eines Beispiels dafür bedurft hätte, dass Fernsehen die Kinder verzieht, dann wäre dieses einer. Fehlte nur noch, dass er damit drohte, dass …
„Ich geh sonst zum Jugendamt“, rief Immanuel mit fester Stimme und er schien es wirklich ernst zu meinen.
Teuger musste lachen, versuchte es aber vor Immanuel zu verbergen. Schnell fing er sich wieder: „Oder zur Bildzeitung? Oder nach Karlsruhe? Oder nach Straßburg?“ Der fragende Blick von Immanuel beruhigte ihn.
Teuger sprang auf. „Ich hab eine Idee. Vor deiner Selbsteinweisung ins Heim hätte ich da noch jemanden, den ich dir gerne vorstellen würde. Komm, wir fahren nach Kiel.“
Immanuel machte aus seiner Widerwilligkeit keinen Hehl, kam aber mit.

20 Minuten später standen sie vor einer Kirche in unmittelbarer Nähe zu einer der vielbefahrensten Straßen des Landes und in Sichtweite zu einem Fußballstadion. Das Gotteshaus strahlte den Charme eines funktionalen Realismusses der Nachkriegszeit aus: ‚Wir hatten nicht viel Geld, deshalb ist es Baukunst’. Beton prägte das Erscheinungsbild.
Drinnen roch es muffig. Durch die geschlossene Flügeltür drang dumpf das Ende einer Morgenpredigt. Das Wort „Kollekte“ war zu hören, dann öffnete sich das Portal. Teuger und Immanuel machten einen Schritt zur Seite, um die einzige Zuhörerin vorbeizulassen. Die ältere Dame bahnte sich mühsam den Weg durch den Vorraum und wäre beinahe über einen Aufsteller mit selbstgemachten Postkarten des örtlichen Kindergartens gestolpert. „Kann ich ihnen helfen?“ rief ihr Teuger hinterher. Aus dem vollständigen Ausbleiben einer Reaktion schloss er, dass sie kaum noch etwas zu hören schien.
„Frau Tussner. 91 Jahre alt und in den 50er bis 70er Jahren mal wegen mehrfachen Mordes im Gefängnis gewesen. Sie muss mal eine Schönheit gewesen sein, denn die Männer sind reihenweise auf sie reingefallen. Irgendwann hat sie es wohl mal mit der Masche Heirat-Testament-Mord übertrieben … Aber sie ist seit zehn Jahren regelmäßiger Besucher meiner Morgenshow. Und da sie praktisch blind und taub ist, könnte ich bei der Predigt auch aus dem Telefonbuch vorlesen. Was ich natürlich niemals machen würde … niemals …natürlich nicht …“ Der Mann mit dem schwarzen Umhang lachte verschmitzt auf. Er war durch einen Nebeneingang zu ihnen getreten. „Wenn das nicht mein alter Freund Jo Teuger ist. Mein Gott, wie lange warst du nicht mehr hier?“
„5 Jahre“, antwortete Teuger, ohne eine Miene zu verziehen. „Du dürftest dich daran erinnern. Ich war derjenige, der eine Predigt von dir vollständig gehört hat, ohne einzuschlafen.“
Doch dann konnte auch er seine Begeisterung über das Wiedersehen nicht mehr zurückhalten. Laut jauchzend lagen sich beide in den Armen.

Dann wandten sie sich Immanuel zu.
„Das ist Heinz Mehrmann. Pastor Heinz Mehrmann“, erklärte Teuger. „Wir haben zusammen studiert.“
Der Vorgestellte nickte Immanuel aufmunternd zu. „Jo will mich ärgern. Natürlich waren wir mehr als nur Studienkollegen. Wir waren enge Freunde. Wirklich enge Freunde. Wir haben fast alles zusammen gemacht. Auch später noch. Man war das eine schöne Zeit.“
Teuger wich dem Lächeln Mehrmanns aus. Seine Stimme wurde hart: „Du musstest ja alles kaputt machen …“
Mehrmann blieb gelassen. „Wir haben das vor so langer Zeit ausdiskutiert. Ich habe mich mehr als einmal entschuldigt und zugegeben, dass ich falsch gehandelt habe. Du hast mir nach mehreren Jahren des Schweigens verziehen. Lass uns nicht alte Wunden wieder aufreißen. Sie hätte es nicht gewollt …“
Teuger schnaufte dreimal kräftig durch. „Woher willst du wissen, was sie gewollt hätte? Das mit euch ging doch nur einige Wochen. Und nun …“
Mehrmann wandte sich demonstrativ Immanuel zu. „Entschuldige bitte, dass sich Erwachsene manchmal so aufspielen. Insbesondere Männer sind eigentlich überhaupt nicht nachtragend. Zumindest tun sie nach außen hin so. Aber das ist quatsch. Sie sind nur geduldiger als Frauen und können länger auf den passenden Moment warten.“
Immanuel nickte. Er verstand nichts. Ihm war völlig unklar, was er hier sollte und weshalb sich diese Männer stritten. Er begann zu frösteln.
„Oh, wie unhöflich von mir“, sagte Mehrmann. Kommt doch rein ins Haus. Da ist es wärmer.“
Er führte sie durch einen engen Gang, der die Kirche mit dem Gemeindehaus verband. Sie setzten sich auf ein abgewetztes und durchgesessenes Sofa. Mehrmann stellte drei kleine Discounter-Wasserflaschen auf den Tisch. „Die Kaffeemaschine ist defekt …“, erklärte er.
Teuger hatte sich wieder gefangen. Seine Gesichtszüge wurden sanfter. „Es ist schön dich wiederzusehen.“
Mehrmann nickte ihm zu.
„Und du bist …“, sprach er Immanuel an.
„Immanuel“, antwortete Immanuel eilig, als könnte das Treffen hierdurch um so schneller vorbei gehen. Der Mann vor ihm wirkte zwar sympathisch, was aber nichts daran änderte, dass ihm die Situation unangenehm war. Er hatte bisher nicht viel mit Pastoren zu tun gehabt. Sie kamen ihm vor wie aus einer anderen Welt und damit waren sie unberechenbar.
„Was für ein schöner und bedeutsamer Name.“ Und zu Teuger gewandt: „Ist er dein …“
„Nein!“ Teugers stimme wurde lauter. „Er ist mein Schüler.“
Mehrmann sah beide verdutzt an. „Du bist jetzt Lehrer?“
„Klavierlehrer.“
„Klavierlehrer?“
„Klavierlehrer!“
„Du konntest doch nicht einmal Blockflöte …“
„Na und? Jetzt bin ich eben Klavierlehrer. Ich hab es mir nicht ausgesucht.“
Mehrmann legte seine Stirn in Falten und ließ es für den Moment dabei bewenden. „Und nun willst du deinem Schüler mal eine Orgel zeigen?“ Er versuchte das Gespräch wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
„Nein.“
„Sondern?“
„Ich brauche deine Hilfe. Immanuel ist nicht richtig ausgelastet.“
Immanuel zuckte bei der Nennung seines Namens zusammen.
Mehrmann musterte den Jungen. „Wie du weißt, bin ich auch vollkommen unmusikalisch. Würde ich die Lieder wirklich mitsingen, dann wäre die Kirche sogar zu Weihnachten leer. Vor zwei Wochen habe ich mit meinem Neffen so ein Singspiel auf seiner Spielkonsole gespielt und das Gerät hat bei meinem Part ständig gemeckert, dass das Mikrofon angeblich nicht richtig angeschlossen sei, weil er keine Noten erkennen konnte. Dabei hat es bei allen anderen geklappt …“
„Das ist erschütternd und traurig“, mimte Teuger den Mitfühlenden. „Aber es geht nicht um Musik. Es geht um kleine gute Taten. Du weißt doch, was hier in Kiel so los ist und wo es hakt. Immanuel hat, wie soll ich es ausdrücken, etwas viel Energie. Und die soll er am besten in etwas Gutes einbringen. Nichts Großes. Das kommt später. Eben so kleine Dinge.“
Mehrmann sah ihn verständnislos an. „Ich soll ihn in unsere Kinder-Bibel-Gruppe aufnehmen?“
„Nein. Er soll einfach nur Aufgaben bekommen. Mehr nicht.“
„So etwa wie bei alten Leuten den Rasen mähen?“
Immanuel sah Teuger Hilfe suchend an. Dieser übersah es bewusst.
„Klingt schon gut. Aber ich denke, wir können ihm etwas mehr zumuten.“
„Rollstühle schieben?“
„Hmmm …“, Teuger strich sich um sein Kinn. „Kannst du ein Geheimnis bewahren?“
Mehrmann zuckte mit den Achseln. „Klar. Was hat der Junge denn ausgefressen?“
„Er hat Lehrer in die Wüste geschickt.“
„Oh … du meinst …“
„Ich meine es, wie ich es gesagt habe.“ Teuger sah Immanuel vorwurfsvoll an, der wiederum schuldbewusst zur Decke starrte.
„Welche Wüste war es denn?“ Mehrmann gab die Hoffnung auf irgendetwas Sinnvolles in diesem Gespräch nicht auf.
„Jemen.“
„Ach.“ Nun wurde es ihm zu bunt. „Du hattest jetzt deinen Spaß. Könntest du mir bitte erklären, was los ist?“
„Immanuel ist Gottes Sohn und Gott hat mich gebeten, auf ihn aufzupassen.“
„Oh …“ Mehrmann wurde rot im Gesicht. „Wie schön … ich meine … ich finde es reicht jetzt.“
„Es stimmt aber. Klingt seltsam. Ich weiß. Und nun habe ich da ein göttliches Kind, das gerade seine Fähigkeiten entdeckt und Lehrer mehrere tausend Kilometer weit weg teleportiert. Und sein Vater versucht mir das in die Schuhe zu schieben.“
Mehrmann blieb still.
„Und sag jetzt nicht, die Wege des Herren seinen unergründlich“, ergänzte Teuger.
Mehrmann machte ein paar Schritte auf die Tür zu. „War schön, dass ihr mich besucht habt. Zumindest sagt man so etwas doch höflicherweise, wenn man jemanden loswerden will. Ich hab leider zu tun. Heute Nachmittag ist Konfirmandenstunde und da muss ich noch einiges vorbereiten. Besucht mich doch mal wieder … irgendwann mal …“ Wie ein Einweiser auf einem Flughafen winkte er sie in Richtung Ausgang.
Immanuel sprang erleichtert auf. Teuger blieb sitzen.
So verharrte die Gruppe für über eine Minute. Niemand mochte als erster den Stehversuch beenden, lauernd auf die Reaktion der anderen.

Teuger traute sich als erster. Er seufzte.
Dann ging alles ganz schnell. Mehrmann brüllte ein energisches „Bis bald“, Teuger nickte Immanuel zu und Immanuel verstand.
Ein irritierter NASA-Astronaut starrte sie mit aufgerissenem Mund an. Alle drei verloren den Halt und begannen unkontrolliert durch den Raum zu schweben. Zum Glück kam schon wenige Zentimeter später die Hülle der Raumstation, von der sie einer nach dem anderen wie ein Watteball sanft abprallten. Teuer und Immanuel fanden als erste die Orientierung zurück und hielten sich an kleinen Ausbuchtungen fest. Mehrmann trieb noch einige Minuten durch diesen Teil der Station der ISS, bis Teuger ihn am Fuß zu packen bekam und zu sich heranzog.
„Da lief gestern Abend im Fernsehen so ein Bericht …“, entschuldigte sich Immanuel. „Den fand ich spannend.“
„Zum Glück war es kein Horrorfilm … oder Porno“, flüsterte Teuger, während er Mehrmann in eine vermeintlich aufrechte Position bugsierte.
Der Astronaut hatte weder Position noch Gesichtszüge seit ihrer Ankunft verändert. Eine deutsche Flagge auf dem Arm deutete darauf hin, dass er ein Landsmann war. Teuger lächelte ihn entschuldigend an. „Kinder …“ sagte er mit einem Achselzucken. „Ich denke mal, Raumkrankheit wäre die beste Erklärung, oder? Ich würde das an ihrer Stelle nicht an die große Glocke hängen. Sonst dürfte das ihr letzter Einsatz gewesen sein. Haben sie mich verstanden?“ Der Astronaut mimte weiterhin die Schaufensterpuppe. Teuger reichte das als Zustimmung. „Gut.“
Mehrmann war da bedeutend schneller bei seiner Rekonfiguration der Sprechfähigkeit. „Wo sind wir?“ stammelte er.
„ISS. Weltraum. Unendliche Weiten.“ Teuger legte so viel Belanglosigkeit in seine Stimme wie möglich. „Kurz gesagt, ziemlich weit weg von Kiel. So ein göttliches Kind im Bekanntenkreis erspart den Treibstoffzuschlag beim Verreisen, nicht wahr.“ Er deutete zu Immanuel, der damit beschäftigt war, abwechselnd durch ein Fenster nach draußen zu schauen und irgendwelche Gegenstände anzustupsen.
„Ich denke, den Rest können wir zu Hause besprechen. Immanuel. Immanuel? Immanuel, lass den Herrn Astronauten los und bring uns nach Hause. Der mag das nicht, wenn du ihn so herumschubst.“ Seine Stimme wurde energischer. „Immanuel!“

Die plötzliche Rückkehr der Schwerkraft lastete wie ein Tonnengewicht auf ihnen, als sie zurück in die Sessel in Mehrmanns Gemeindehaus plumpsten.
„Danke“, stönte Teuger zu Immanuel gewandt. „Wenn man von der Geschichte mit dem Astronauten absieht, hast du das gut gemacht.“ Zum ersten Mal sah er Immanuel lächeln.
Auch Mehrmann fand seine Stimme wieder. „Ich glaub, ihr müsst mir einiges erklären.“
Das tat Teuger auch. Und mit jedem Satz wurden Mehrmanns Augen weiter. Immer wieder flüsterte er „oh mein Gott“.


(C) 2008 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken