Am nächsten Morgen waren Teuger und Immanuel pünktlich zum Ende der Morgenpredigt zurück in Kiel. Frau Tussner hatte gerade wort- und teilnahmslos die Kirche verlassen, da erkannte Mehrmann die beiden Besucher in der letzten Bank und winkte sie freudestrahlend zu sich heran. „Schön, dass ihr da seid. Ich war mir heute Morgen nicht mehr ganz sicher, ob ich das alles nicht nur geträumt habe.“ Teuger nickte nur kurz und kam gleich zum Thema: „Ist dir etwas eingefallen, was wir dem Kleinen als erste Aufgabe geben können?“ Immanuel sah sich beim Altar etwas um und blieb vor einem Bildnis von der unbefleckten Empfängnis stehen. Mehrmann bemerkte es. „Das ist ja praktisch Aufklärungsunterricht für Söhne Gottes …“ Er grinste. Teuger warf einen strafenden Blick auf Mehrmann. Der zuckte schuldbewusst zusammen. „Okay. Keine Scherze. Nur Gutes tun.“ Er pustete mehrfach aus wie ein 100-Meter-Läufer kurz vor dem Start. „Fangen wir doch ganz klein an. Immanuel?“ Der Angesprochene fuhr wie ertappt herum und riss dabei das Taufbecken um. Die metallene Schüssel schlug scheppernd auf dem Boden auf. „Macht nichts“, sagte Mehrmann mit ruhiger Stimme. „Ist ja auch irgendwie dein Haus. Ich hab eine Aufgabe für dich. Wir geben immer mittags Essen aus für Obdachlose, hier im Gemeindehaus. Keine große Sache. Das wird auch immer ganz gut angenommen. Leider ist unsere Köchin, nun ja …, ich will nichts Falsches über die rührige Frau Meier sagen, aber sie ist auch nicht mehr die Jüngste. Sie kocht eben sehr interessant, etwas gewöhnungsbedürftig. Trümmerfrau-Rezepte. Sehr einfach und funktional. Und immerhin nutzt sie das Budget nie ganz aus … aber …“ Teuger unterbrach. „Ich glaub, wir haben verstanden. Es schmeckt nicht.“ Mehrmann wirkte, als hätte man ihm eine schwere Bürde abgenommen. „Ja. Es ist grauenvoll. Ein Wunder, dass überhaupt noch Leute vorbeikommen. Ich habe es einmal probiert und … als Pastor hat man es auch nicht leicht … den Brechreiz mit einem Lächeln überspielen und mit ansehen zu müssen, wie einem deswegen noch einmal ein Nachschlag auf den Teller geknallt wird.“ Seine Gesichtsfarbe wurde fahl. Die Erinnerung schien ihn zu übermannen. Immanuel stupste ihn in die Seite. „Ich soll kochen?“ Mehrmann fing sich wieder. „Nun, ich weiß nicht, wie du es machst. Aber Jesus konnte doch auch Wasser in Wein verwandeln und solche Dinge. Dass er dazu stundenlang am Herd gestanden hätte, steht nicht in der Bibel. Ich dachte, vielleicht musst du nur an etwas Leckeres denken. Oder das Essen einmal scharf angucken. Keine Ahnung. Ich sollte mir ja nur eine Aufgabe ausdenken. Und da ist sie.“ „Klingt sehr gut“, unterstützte ihn Teuger und beide sahen Immanuel fragend an. Der zuckte mit den Achseln. „Okay. Ich probiere es.“
Um 11 Uhr schleppte sich Frau Meier an ihnen vorbei ins Gemeindehaus. 20 Minuten später drang unangenehmer Geruch aus der Küche. Es stank nach aufgekochtem Erbrochenem. Mehrmann lotste sie in einen Nebenraum. „Hier kann man es gerade noch aushalten. Die Essensausgabe beginnt um 12 Uhr.“ Die beiden Geistlichen schauten auf Immanuel. Der zuckte mit den Achseln. „Aber du hast doch schon ganz andere Dinge gemacht“, fuhr ihn Teuger an. „Das hier ist doch viel einfacher als das in der Schule. Und es ist etwas Gutes. Du kannst Leute glücklich machen. Und sei es nur uns beide, wenn der Geruch verschwindet. Ist das nicht eine tolle Herausforderung?“ Immanuel blieb beim Achselzucken. „Die Sachen sind einfach passiert. Das war dann so.“ „Das war dann so?“ Teuger und Mehrmann sprachen gleichzeitig. Da begriff Teuger. „Oh.“
Der beißende Geruch erreichte auch den Nebenraum und riss sie aus ihrer Starre. „Kein Problem“, sagte Teuger. „Wir sind ja hier zum Lernen. Also Immanuel ist hier zum Lernen. Und wir geben einfach ein paar Tipps. Dann wird es auch hier passieren.“ Immanuel sah ihn erwartungsfroh an. „Fangen wir doch systematisch an. Woran hast du gedacht, als du deine Lehrer teleportiert hast?“ „An nichts.“ „Aber an irgend etwas muss du doch gedacht haben.“ „Nö.“ „Gut, das ist doch ein Anfang“, log Teuger und Mehrmann starrte ihn mit großen Augen an. „Lass uns einfach mal in die Küche gehen. Vielleicht fällt uns dort etwas ein“, schlug Teuger vor. Mehrmann schluckte.
Frau Meier war ganz offensichtlich nicht glücklich über den Besuch in ihrem Reich. „Was wollen sie denn hier?“ fuhr sie die Eindringlinge an. Der Gestank war bestialisch. „Lassen sie sich nicht stören“, beschwichtigte Mehrmann. „Ich wollte nur mal einem alten Freund die Küche zeigen.“ Frau Mehrmann wies auf den Jungen. „Und der da?“ „Der gehört dazu.“ „Kinder haben in meiner Küche nichts zu suchen. Die machen nur alles unordentlich und spucken aus Spaß ins Essen, wenn man gerade nicht hinsieht.“ Keiner im Raum, außer Frau Meier, machte diese Vorstellung bei dem aktuellen Verwesungsgeruch irgendwelche Angst. Mehrmann wiegelte mit sanfter Stimme ab. „Kein Problem. Wir bleiben einfach hier hinten in der Ecke stehen und sind auch gleich wieder weg.“ Er drängte die Besuchergruppe einige Meter hinüber zur Geschirrspülmaschine. Frau Meier murmelte noch etwas sehr Gehässiges vor sich hin und wandte sich dann wieder ihren Töpfen auf dem Herd zu. „Und jetzt?“ flüsterte Mehrmann. „Vielleicht helfen irgendwelche wichtigen Gesten mit den Händen.“ „Wir sind doch hier nicht bei Harry Potter“, schnaufte ihn Teuger an. Immanuel probierte es dennoch. Er gestikulierte wild in Richtung Frau Meier und den Töpfen und sprach dabei einige Blubber-Geräusche. Es passierte nichts. Nur Frau Meier fuhr erbost herum. „Sind wir hier im Zirkus? Pastor Mehrmann …“, es klang wie eine Drohung, „… das ist doch immer noch eine Kirche hier, oder?“ Mehrmann hob beschwörend beide Hände. „Aber Frau Meier …“ Doch die Angesprochene kam gerade erst in Fahrt. „Hören sie mir mal zu. Ich koche hier jetzt schon seit beinahe 15 Jahren. Habe ich mich jemals beschwert? Gab es jemals Grund zum Klagen?“ Mehrmann senkte schuldbewusst den Kopf. „Meinen sie, ich hätte nichts Anderes zu tun? Ich mache das ja nicht für sie, sondern für die armen Seelen da draußen. Die sollen es mal für ein paar Minuten gut haben. Und sie kommen hier einfach rein und machen sich lächerlich über mich. Wollen sie mich loswerden? Ist es das? Soll ich gehen? Wollen sie mich rausekeln? Das können sie haben. Soll doch der Rotzbengel kochen. Sie werden schon …“ Dann war Frau Meier verschwunden.
Teuger und Mehrmann starrten zunächst auf den leeren Fleck vor dem Herd und dann Immanuel an. Der lächelte. „Ich denke, das können wir schon unter der Rubrik ‚Gute-Tat‘ verbuchen“, erklärte Mehrmann sichtlich erleichtert von der Ruhe um sie herum. „Wo hast du sie hingeschickt?“ Immanuel lächelte weiter. „Zur Knorr-Familie!“ Teuger zuckte zusammen. „Aber die gibt es doch gar nicht.“ Das Lächeln wich Schuldbewusstsein. „Ups.“ Mehrmann kicherte. Teuger sah zur Decke. Der Papa wird es schon richten. „Egal. Wichtiger ist jetzt, wie du das gemacht hast.“ „Es ist einfach passiert“, erklärte Immanuel. „Nichts passiert so einfach. Denk nach. Was hast du gefühlt?“ „Ich war genervt und fand die Frau ätzend.“ „Und dann?“ „Dann war sie weg.“ „Hmmm“, Teuger rieb sich wie Columbo um das Kinn. „Aber woher weißt du, dass sie zur Knorr-Familie gekommen ist?“ „Ich habe es gesehen. Sie landete in einem Berg von Tütensuppen.“ Teugers Gesicht hellte sich plötzlich auf. „Ich glaube, ich habe eine Idee.“ Mit einem Satz war er bei den verwaisten Töpfen. Er griff sich einen Löffel, tauchte ihn in eine der brodelnden Substanzen und reichte sie Immanuel hinüber. „Hier. Probier mal.“ Immanuel sah ihn angewidert an. „Nein. So etwas esse ich nicht.“ Teuger wurde streng. „Willst du lernen, wie man mit seinen Kräften umgeht oder nicht? Im Namen deines Vaters, du nimmst jetzt etwas davon.“ Immanuel machte einen Schritt zurück. „Komm her“, fuhr ihn Teuger an, so dass selbst Mehrmann zusammenzuckte. Immanuel drückte sich so fest er konnte gegen die Wand „ISS ES!“ Der Gestank verschwand und der Geruch von perfekten Spagetti Bolognese durchzog den Raum.
Teuger war mit sich zufrieden. „Gut gemacht“, sprach er nun ganz sanft. Da klopfte es an die Küchentür und ein Mann um die 50 mit zotteligen Haaren und schmutzigem Pullover steckte den Kopf durch den Spalt. „Gibt es bald was zum Essen?“ grummelte er. Dann schnupperte er und Erstaunen breitete sich über sein Gesicht aus. „Ist die Meier krank?“ Mehrmann überging die Frage. „Der Junge hat heute gekocht. Mögen sie Nudeln mit Hackfleischsoße?“
|