Zu jeder Zeit gab es Menschen, die etwas mehr wussten, als ihre Mitmenschen. Menschen, denen es ohne große geistige Anstrengung gelang, den Sinn des Lebens zu durchschauen und stets wussten, wie es weitergehen würde. Menschen, die ohne jedes Medium spürten, wenn auf der Erde etwas Ungewöhnliches geschah.
Leider war ein Ergebnis ihrer Erkenntnisse über den Sinn des Lebens die Weisheit, dieses Wissen für sich zu behalten. So wurden diese Allwissenden auch keine Gefahr für das Weltgefüge. Nur ganz selten kam es vor, dass sie andere an ihrer Weisheit teilhaben ließen. Und da dann meist die, denen sie versuchten den Sinn des Lebens zu erklären, zu dumm dafür waren, um derart viel Weisheit zu verstehen, verhallten auch diese Ausbrüche ungenutzt im Nichts.
Noch viel seltener geschah es, dass mehrere derartige Allwissende sich trafen. So geschah es allerdings auf dem Eckernförder Bahnhof, als drei sich vollkommen fremde Männer mit wirren Haaren, gütigem Blick und leichtem Gepäck als einzige aus dem Zug von Kiel nach Flensburg stiegen. Für einen Augenblick verharrten sie auf dem Bahnsteig, blinzelten sich an und lächelten verhalten. Ohne ein Wort zu wechseln, stiegen sie in ein bereitstehendes Taxi.
Der Taxifahrer wunderte sich über die sonderbar stillen Fahrgäste so früh am Morgen. Die beiden, die auf der Rückbank Platz genommen hatten, waren von kräftiger Statur. Beide trugen einen wuchernden weißen Bart, der sie alt aussehen ließ, älter als sie wahrscheinlich waren. Dies wirkte besonders bei dem direkt hinter dem Taxifahrer Sitzenden in Verbindung mit seiner dunklen Hautfarbe durchaus merkwürdig. Der Dritte, der auf dem Beifahrerplatz saß, war etwas schmächtiger und hatte makellos glatte Haut. Er war der einzige, der etwas sagte: "Zum Städtischen Krankenhaus bitte."
Der Taxifahrer versuchte sich den Beginn seiner Schicht etwas angenehmer zu gestalten und probierte es mit ein wenig Konversation: "Wollen Sie jemanden besuchen?" Die hinteren Fahrgäste verzogen keine Miene und überließen dem Vorderen das Reden: "Ja."
Gedämpft war das Klicken des Blinkers zu hören. Nachdem der Fahrer das Abbiegemanöver beendet hatte, setzte er zum zweiten Gesprächsversuch an. Doch noch bevor er einen Ton herausgebracht hatte, kam schon die Antwort von seinem Sitznachbarn: „Nein, es ist nichts Schlimmes. Der Welt ist ein neuer Heiland geboren. Und den besuchen wir.„ Der Fahrer schluckte. "Aha ...", sie fuhren vorbei an einem Mc Drive, "... und Sie sind Verwandte?" "Wir alle sind mit ihm verwandt. Auch Sie. Er ist unser Heiland." Der Fahrer lachte verlegen auf: "Oh ...". Eigentlich mochte er die Frühschicht zwischen den Festtagen. Die Leute waren um diese Zeit alle so friedlich eingestellt und auch das Trinkgeld war zumeist mehr als üppig. Aber manchmal traf man eben auch auf die, denen die Weihnachtsgeschichte und der ganze Weihrauch zu Kopf gestiegen war. Zum Glück war das Krankenhaus nicht all zu weit vom Bahnhof entfernt.
Der Schmächtige bezahlte ohne Widerworte den vom Taxifahrer genannten Preis, wohlwissend, dass dieser einen eigenmächtigen 50%-Weihnachtsaufschlag eingerechnet hatte. "Wir werden den Heiland von Ihnen grüßen, so wie Sie es wünschen", sagte er, als er das Geld übergab. Nicht einmal diesen letzten vermeintlich witzigen Spruch ließen sie ihm.
Schnell hatten sie das Zimmer von Angela und ihrem Immanuel gefunden. Obwohl 'gefunden' das falsche Wort war. Sie hatten ja nicht danach gesucht. Dass die Neonleuchte in dieser Abteilung heller leuchtete, als die der übrigen, war völlig unnötig gewesen. Der Afroamerikaner klopfte einmal kräftig an und, ohne eine Reaktion abzuwarten, traten sie ein.
Was sich ihnen bot, war ein perfektes Familienidyll. Im Bett lag eine glückliche, aber erschöpfte Angela mit dem kleinen Immanuel im Arm. Daneben saß auf einem Plastikstuhl Kevin und lächelte sie an, während er den Kopf von Immanuel streichelte. Als es klopfte und diese drei seltsamen Gesellen im Türrahmen auftauchten, zog er erschrocken die Hand weg. Er machte sich bereit, sein Kind mit allen Mitteln zu verteidigen, falls es notwendig werden sollte. "Dürfen wir reinkommen?" fragte der kräftige Hellhäutige und verwendete dabei die tiefste und beruhigenste Stimme, zu der er fähig war.
Stille.
"Wir sind gekommen, um den kleinen Immanuel zu besuchen." Es gelang dem Hellhäutigen sogar mit etwas Anstrengung, noch ein wenig beruhigender und gütiger zu sprechen als zuvor. Die beiden Eltern schauten sich verdutzt an, doch noch bevor eine klärende Augenkommunikation stattfinden konnte, unterbrach sie der Dunkelhäutige: "Der Immanuel ist nämlich etwas ganz Besonderes!" So etwas hörten Eltern gern und allmählich schwand das Misstrauen. Die drei Besucher schritten würdevoll an das Bett der Mutter. Diese legte das Kind in die daneben befindliche durchsichtige Wiege, um jedes Starren der Männer auf ihre angeschwollene Brust von vornherein zu verhindern. Alle Anwesenden begannen zu lächeln. Doch soviel Liebe auf einmal ertrug kein Baby, nicht mal eines, das der Heilige Geist gebracht hatte. Und so schrie Immanuel so laut es seine noch kleinen Stimmbänder vermochten. Fünf erwachsene Menschen standen hilflos darum herum und wussten nichts anderes zu tun, als einen Schwall an "Gudi, Gudi" und "Eida, Eida" auf ihn abzufeuern, so dass das Geschrei nur noch stärker wurde. Die drei Besucher sahen sich ratlos an und zuckten mit ihren Achseln. Es gab Momente, wo auch ihre Weisheit versagte. Erst als eine hilfsbereite Krankenschwester zufällig den Radau mitbekam, das Kind einen Moment auf den Arm nahm und es wieder absetzte, kehrte Ruhe ein.
Selig schlief Immanuel ein.
Die drei weisen Männer waren verwirrt. "Ihr Kind ist wirklich etwas ganz Besonderes", versuchte der Schmächtige die Situation zu retten. "Ja ja", erwiderte Angela. "Und man wird noch von ihm hören ...", ergänzte der Dunkelhäutige. "Das haben wir auch schon bemerkt", erwiderte der Vater. Alle lachten nervös auf. Immanuel stopfte sich die rechte Hand vollständig zum Nuckeln in den noch zahnlosen Mund. "Na dann wollen wir mal nicht länger stören." Der Hellhäutige fand seine gütige Stimme wieder. "Vielen Dank für den Besuch ...", versuchte Kevin die Situation schnell zu einem Ende zu bringen. Und mit einem letzten Blick auf das Kind, verbunden mit einem weisen Lächeln, verschwanden die drei Besucher aus dem Zimmer.
Die beiden Eltern sahen sich fragend an. "Verwandte von dir?" fragte Kevin. "Nein ... ich dachte von dir ..."
Erst einige Stunden später, als auch Kevin schon längst wieder gegangen war, bemerkte Angela die drei Päckchen auf dem Tisch in der Ecke. Jedes einzelne mit je einer goldenen, silbernen und bronzenen Schleife verziert.
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