Animación

Kapitel 15: Animación

Immanuel entschied sich mit bestandenem Abitur und immer noch Gundula hinterher trauernd, nunmehr sein Leben mehr in die eigene Hand zu nehmen. Was seine Aufgaben als Heiland einmal sein würden, war ihm nicht klar. Umso klarer war ihm, dass hierzu sicherlich das Studium der Menschen nicht schaden konnte. Und da wahrscheinlich auch die Gewinnung von Sympathien dazu gehören würde, kam er rasch auf die Idee, wie er beides verbinden konnte: er wollte Animateur in einem Ferienclub auf Mallorca werden. Außerdem war es dort weit wärmer als in Norddeutschland und eine neue Freundin ließ sich sicherlich auch dort gut finden. Welche Form von Religion er auch verheißen würde, sie würde sicherlich nicht die Askese beinhalten.

Angela und Kevin waren von der Idee nicht angetan.
„Hast du dir das gut überlegt“, fragte ihn Angela mit ernster Miene, als er seine Pläne am familiären Essenstisch im Anschluss an das Auffüllen der zweiten Rinderroulade offenbarte. Sie erwartete nicht ernsthaft, dass er dieses bestritt.
„Ja, das habe ich“, stellte Immanuel fest und Angela war doch über die Antwort enttäuscht.
„Mein Sohn ein Touristen-Hampelmann...“, murmelte Kevin und schüttelte bedeutungsschwanger seinen Kopf.
„Ich kann sicherlich viel dabei fürs Leben lernen“, ergänzte Immanuel. Doch eine Wirkung blieb aus.
„Aber wir möchten nicht, dass du so etwas machst“, sagte Angela, inzwischen mürbe von 19 Jahren Zurücksteckens ihrer Pläne von einer antiautoritären Erziehung. „Wozu haben wir dich denn Abitur machen lassen?“ Sie war augenblicklich schockiert, dass sie tatsächlich einen solchen Satz gesagt hatte.
„Lass ihn doch ruhig, Schatz. Er wird schon sehen, was er davon hat“, widersprach Kevin, mehr zu sich und der Rinderoulade vor sich, als zu den weiteren anwesenden Personen. „Aber komm dann nicht irgendwann an, dass wir dir helfen sollen. Das musst du dann selbst ausbaden.“
Immanuel versuchte es noch einmal im Guten: „Ich will ja nicht für immer Animateur werden. Nur für ein paar Monate, vielleicht ein Jahr. Dann kann ich immer noch studieren.“
„Wir werden ja sehen“, philosophierte Kevin. „Und denk auch nicht, dass wir dich dort besuchen. Auf diese Insel mit den ganzen schlimmen Deutschen bringen mich keine zehn Pferde... und mein Sohn erst recht nicht.“ Mit einem Ruck stach er auf die Roulade ein, die ihm bis hierhin genügsam zugehört hatte. Sie fiel augenblicklich leblos auseinander.
Angela zog es vor, demonstrativ hörbar leise zu schluchzen.

Doch Immanuels Entschluss stand fest.

Auch Teuger schaffte es nicht ihn umzustimmen: „Es gibt so viele Orte, wo du lernen kannst, mit Menschen umzugehen. Warum muss es nun unbedingt der sei? Du könntest in ein Kloster gehen. Oder nach Afrika. Oder zu Amnesty International. Oder meinet wegen auch zu Greenpeace oder zu den Grünen. Aber warum willst du gerade Urlauber auf Malle bekehren? Oder meinst du, Wassereimer zu Sangria verwandeln ist deine Lebensaufgabe?“
„Ich weiß nicht, was meine Lebensaufgabe ist“, erklärte Immanuel wahrheitsgemäß. „Aber ich weiß, dass ich da viel lernen und ausprobieren kann.“
„Und Mädchen kennen lernen kannst ...“, fuhr ihm Teuger ins Wort.
Immanuel widersprach ihm nicht, sondern zog es vor, die Lippen aufeinander zu pressen.
Teuger wusste, dass es nichts bringen würde, Immanuel umstimmen zu wollen. Vielleicht war es ja auch der Richtige. Schließlich war der Junge göttlichen Ursprungs. Da konnte man sich auch mal auf seine Intuition verlassen.
„Vielleicht nehmen sie dich auch gar nicht an.“ Ein frommer Wunsch von Teuger.

Am nächsten Tag hatte Immanuel die Zusage eines großen Reiseveranstalters im Briefkasten und eine Woche später, am ersten Juni, ging der Flieger vom Hamburger Flughafen, Terminal 2.

Nasskaltes Regenwetter empfing Immanuel, als er das Terminalgebäude von Palma de Mallorca verließ. Der Fahrer des Kleinbusses, der ihn und elf andere Animateuranwärter zu den verschiedenen Clubanlagen brachte, wurde nicht müde zu berichten, dass dies der schlechteste Tag des Jahres sei. Immanuel hingegen war froh, dass ihn zumindest etwas an zu Hause erinnerte. Es machte die Trennung leichter.
Es hätte nicht der Einwände von seinen Eltern und Teuger bedurft. Natürlich war er sich auch nicht sicher, ob er das Richtige tat. Selbst im Flieger hatte er vor lauter Grübeln das Käsebrötchen unangerührt zurückgehen lassen und auf den kostenlosen Tomatensaft verzichtet. Doch als er bei der Landung sah, wie die Regentropfen an die Scheiben schlugen, war er sich sicher, dass alles in bester Ordnung war.

Immanuel war der Fünfte, der aus dem Bus entlassen wurde. Seine Clubanlage befand sich an einer Steilklippe, einige Kilometer von El Arenal entfernt. Er war froh, dass er wohl nicht die volle Urlauberseeligkeit abbekommen würde. Schließlich war er auch noch teilweise ein Mensch. Und das war gut so.

Die Anlage hieß ‚Torro Club Tropica’, bot über 1.200 Gästen Platz und bestand größtenteils aus zahllosen kleinen Bungalows, Größe und Ausstattung Stammheim-Westtrakt, die zwei bis vier Wohneinheiten beinhalteten. Daneben gab es mehrere Pools, Sportanlagen, einen Essensraum und drei Bars, die von früh morgens bis spät in die Nacht von den All-Inclusive-Gästen belagert wurden, als könnte ihnen jemand jeden Moment das farbige ‚Ich-hab-hier-für-alles-bezahlt’-Bändchen vom Arm reißen.

Etwas abgelegen befanden sich die Unterkünfte der Angestellten, zu denen auch die Animateure gehörten.
Immanuel teilte sich das Zimmer mit einem zwei Jahre älteren Belgier, der sich Gustav nannte, bekennender Bigamist war und schon den zweiten Sommer im ‚Torro’ arbeitete. Gustav war ein großartiger Alleinunterhalter, hatte stets den perfekten Spruch zur Situation parat, konnte sich wunderbar auf jeden Menschen einstellen und sah obendrein auch noch passabel aus. Seine Schwäche war, dass er diese Sozialkompetenz nur dann aufbringen konnte, wenn er sich innerhalb der letzten drei Tage durch sexuelle Beglückung eines weiblichen Urlaubsgastes Selbstvertrauen erarbeitet hatte. Dabei verabscheute er Wiederholungen. Natürlich war es für die Animateure strengstens verboten, etwas Intimeres mit den Gästen anzufangen, als die Hilfestellung beim Tauchlehrgang im Kinderbecken des Pools. Doch Gustavs Eskapaden wurden von allen wegen seiner sonstigen unwidersprochenen Leistungen stillschweigend akzeptiert. Auch schien er selbst in Begattungsdingen so professionell vorzugehen, dass sich bisher keine der Frauen beschwert hatte und es auch zu keinen Eifersüchteleien oder Gekränktheiten gekommen war. Ganz im Gegenteil, kamen die meisten Sexualpartnerinnen gerne in der darauf folgenden Saison wieder, um alte Urlaubserinnerungen aufzufrischen.

Immanuel kam mit Gustav sehr gut zurecht. Nach wenigen Tagen der Eingewöhnung bedurfte es keiner Absprache mehr. Immanuel wusste, wann er erst ein wenig später ihr Zimmer zum Schlafen aufsuchen konnte und hielt sich daran. Im Gegenzug lernte Immanuel auch den einen und anderen Kniff des menschlichen Umgangs, gerade auch zum anderen Geschlecht, die sowohl seine Eltern noch Teuger bei seiner Erziehung und Ausbildung ausgespart hatten.

Dem Einzigen, dem Gustavs Aktivitäten ein Dorn im Auge waren, war Klaus, der ‚Chef der Animation’. Klaus würde in diesem Jahr noch dreißig werden, war Deutscher und hatte eigentlich nie irgendetwas Anderes gemacht, als Animateur zu sein. Eine solche Lebensgeschichte verbittert, erst recht, wenn man Jüngere sieht, die im ersten Jahr mehr Erfolg bei den Gästen und vor allem den Frauen hatten, als man selber mit über zehn Jahren Fröhlichkeitserfahrung. Klaus war nie wirklich ein guter Animateur gewesen. Dass er sich seit drei Jahren ‚Chef der Animation’ nennen durfte, lag vor allem daran, dass sich keiner damals fand, der dieses hätte machen wollen. Weder war mit diesem Titel mehr Geld, noch mehr Ansehen verbunden, zumindest nicht gegenüber den anderen Animateuren. Dieses musste Klaus bereits nach wenigen Wochen erkennen und gab es schnell auf, sich als ‚Chef’ aufzuspielen. Zwar bestand er darauf, dass zumindest dieser Titel bei der Vorstellung der Mitwirkenden bei den abendlichen Shows stets sowohl auf English, Französisch, Italienisch, Holländisch, Spanisch und Deutsch klar und deutlich genannt wurde. Dies machte jedoch nur auf die Gäste Eindruck, die den ersten Abend auf der Anlage waren.
Klaus war hierüber von Jahr zu Jahr missmutiger geworden. Und als nun wie gesagt auch noch drohte, dass er in wenigen Wochen seinen dreißigsten Geburtstag würde feiern müssen, etwas, das für Animateure eine Zwangsverrentung ohne Bezugsansprüche darstellte, nahm seine Verbitterung manische Züge an. Leute wie Gustav, die all das verkörperten, was er nie erfüllen können würde, machten ihn wütend. Und damit auch alle Leute, die mit solchen Leuten gut auskamen.

Die Mitglieder des Animationsteams ließen sich in zwei Gruppen einteilen. Zum einen waren da die insgesamt sieben hauptberuflichen Animateure, die schon Anfang April auf der Anlage ankamen, um in den drei Wochen vor dem Eintreffen der ersten Urlauber die Shows und das weitere Programm auszuarbeiten. Sie blieben in der Regel bis Ende Oktober, wenn der Club die Saison beendete. Neben Klaus waren dies noch Verona, Beatrix, Katarina, Florian und Sven. Verona war eine 24 Jahre alte Italienerin, von Beruf Busfahrerin, zweiter Chef der Animation, seit drei Jahren im Club und seit dem auch fest mit Beatrix aus den Niederlanden zusammen. Während Verona eindeutig durch ihren mächtigen Bau die bestimmende Rolle in der Beziehung repräsentierte, war Beatrix schmächtig und unscheinbar. Ihre Stärke war der gekonnte Umgang mit Kindern, selbst wenn diese viel mehr Lust auf das Verkloppen anderer Kinder hatten als auf das Lernen eines Clubtanzes.
Katarina kam aus Belgien und war im Umgang mit den Kollegen sehr still. Niemand wusste viel über ihre Vergangenheit und über ihr Alter gab es nur Gerüchte. Doch wenn es darum ging, missgelaunte Urlauber von der Teilnahme an einem Cocktail-Spielchen zu überreden, war sie die Meisterin. Wenn Katarina in Hochform war, dann tummelten sich an die hundert Menschen vor einem kleinen grünen Plastikfrosch mit weit aufgerissenem Mund und warteten geduldig bis zu einer Stunde, um einen Golfball dreimal an diesem Frosch vorbei zuwerfen. Die Kür war dann, einem jeden das Gefühl zu geben, dass dieses genau das war, was er oder sie sich schon immer unter Urlaub vorgestellt hatte.
Florian kam aus Deutschland, genauer aus Bayern, was man bei jedem Wort, das er sprach, auch deutlich hörte. Als Animateur war er aufgrund seiner eher spaßfreien Art nur mittelmäßig geeignet und kam daher sehr gut mit Klaus aus. Er war vor allem für die Tauchlehrgänge zuständig, die nur geringe Konversation erforderten.
Sven schließlich war auf Mallorca als Kind eines schwedischen Aussteigerpaares geboren worden. Die Diskrepanz zwischen weißer skandinavischer Haut und spanischer immerwährender Sonne hatte einige Narben und Furchen auf seinem Körper hinterlassen. Auch wenn er trotz seines fünften Jahres im Torro immer noch Schwierigkeiten mit anderen Sprachen als Spanisch und Schwedisch hatte, war er im konkludenten Umgang stets zu einem Schenkelklopfer aufgelegt und ausgesprochen trinkfest. Letztes machte ihn vor allem bei alleinreisenden All-Inclusiv-Gästen der mittleren Altersgruppe ohne Kinder beliebt.

Neben dem Stammteam gab es in der Hauptsaison von Juni bis September noch die ‚Aushilfen’. Meist Studenten oder Schulabgänger, die helfen sollten, den Urlaubermassen den Spaß zu besorgen, den sie meinten verdient zu haben. Neben Immanuel und Gustav waren dies noch Britta und Caroline, die ebenfalls aus Deutschland kamen. Beide studierten im dritten Semester in Köln Sozialwissenschaften, erhofften sich offiziell von der Tätigkeit als Animateur einige interessante Einblicke in menschliche Verhaltensweisen und waren eigentlich darauf aus, günstig braune Haut und gut gebaute Jungs zu bekommen.

Immanuels Tätigkeit bestand in den ersten Tagen darin, mitzulaufen und den erfahrenen Animateuren bei der Arbeit zuzuschauen. Er wurde den Gästen als ‚Auszubildender’ vorgestellt, was beinhaltete, dass alles, was nicht perfekt lief, auf ihn abgewälzt wurde. Fiel beim Bingo eine Kugel herunter, der Auszubildende hatte Schuld, ebenso wenn sich eine Wolke vor die Sonne schob, der Pool zu kalt für Wasserball war oder beim Volleyball der Ball über die Absperrung flog. Stets hatte Immanuel schuldbewusst dreinzuschauen. Da dieses vorher so mit seinen ‚Ausbildern’ abgesprochen war, machte es ihm nichts weiter aus. Vielmehr hatte er die Mitleidsnummer nach drei Tagen so perfektioniert, dass ihm beinahe jeder Gast aufmunternd beim Vorbeigehen zunickte, um zu sagen: ‚Junge, du schaffst das!’

Eine Woche nach Immanuels Arbeitsbeginn im Torro kam die erste Bewährungsprobe. Nicht nur, dass er zum ersten Mal selbständig ein Tischtennis-Turnier mit sechs Franzosen ohne Fremdsprachenkenntnisse und drei Deutschen, die dennoch demonstrativ auf English redeten, leiten durfte. An diesem Tag kam auch ein Bus mit zehn Rheinischen Frohnaturen an, die auf alles Lust zu haben schienen, nur nicht darauf, sich an die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln eines Ferienclubs zu halten.
Ihr erster Weg führte sie nicht zu ihren Bungalows, sondern sogleich an die nächstgelegene Bar, wo die Getränkekarte einzig nach Promillegehalt sondiert wurde. Und da auch die Hinfahrt wohl nicht trocken verlaufen war, war der erste Drink noch nicht ausgetrunken, als schon einige angepöbelten Gäste verschreckt einen Tisch weiter rückten. Nach dem zweiten Drink war die Gruppe so ausgelassen, dass selbst ein RTL2 Kamerateam von Exklusiv - Die Reportage zum Thema ‚Bumsfidel am Ballermann’ auf Bilder verzichtet hätte aus Angst, wegen Volksverhetzung von den Medienanstalten gerügt zu werden. Das Witzniveau kam nicht mehr darüber hinaus, dass jeder aus der Truppe, der sich anschickte, etwas Neues von der Bar zu holen, mit den Worten begleitet wurde, dies oder jenes „ihm mal richtig zu besorgen.“ Selbst nach der zwanzigsten Wiederholung schienen sie davon überzeugt zu sein, hiermit noch den Deutschen Comedy - Preis gewinnen zu können.

Unangenehm wurde es jedoch am Abend. Stellte die Gruppe während des Bingo-Spiels noch eindrucksvoll unter Beweis, dass sie des Zählens mächtig war bzw. zumindest dazu, Zahlen lautstark wie ein Erstklässler im Chor nachzusprechen, so holten sie zum Endschlag des Tages aus, als die Abend-Show begann.
In einem 14-Tägigen Turnus gab es jeden Abend um 22 Uhr wechselnde Shows. Fünf wurden pro Woche von den Animateuren dargeboten, zwei von ‚professionellen’ Flamenco-Tänzern, brasilianischen Mädchen mit wenig an oder Zauberern, die auf der Insel von Hotel zu Hotel tourten und immer dann ran mussten, wenn das Animateurteam seinen gewerkschaftlich gesicherten freien Abend hatte. An diesem Abend nun stand die Grease-Show auf dem Programm, dargeboten ‚von gesamtes Animationsteam’. Schlechtes Deutsch auf Schildern war hier Programm. Die Gäste sollten überall das Gefühl haben, einfach besser zu sein.
Auch die Aushilfen wie Immanuel durften mitmachen und nach einer Kurzeinweisung ein wenig im Hintergrund ‚verliebte Pärchen’ spielen. Gustav hatte die Rolle des John Travolta dieses Jahr von Klaus nach gut gemeintem Rat durch die Direktion übernommen und Verona die von Frau Olivia Newton-John. Schon bei der ersten Annäherung von Gustav und Verona in der Eröffnungsszene konnten sich die Rheinländer nicht mehr zurückhalten, was sie im übrigen auch gar nicht erst versucht hatten. Laut rief der Bulligste, wonach der Rest in Chor einfiel: „Fick sie, fick sie“. Und um die Spaßigkeit auf die Spitze zu treiben ergänzte der Nächste „Besorg es ihr.“ Der, der den Chor begonnen hatte, fügte noch lautstark hinzu „Oder soll ich das für den Schlappschwanz übernehmen?“ Für den Alkoholpegel war dieses zwar ein erstaunlich zusammenhängender Satz gewesen, die Anerkennung hierfür beschränkte sich jedoch auf die Rheinländer, die ausgelassen den Daumen in die Höhe reckten, während sie weiter ihr „Fick sie“ intonierten.
Ein geordnetes Weiterspielen war nicht möglich. Die Frohnaturen übertönten selbst noch das bis zum Anschlag aufgedrehte Playback. Eine kurze „Fick sie“-Pause zum Nachfassen von Alkohol nutzte das Animationsteam zum geordneten Rückzug.
Man beriet sich hinter der Bühne.
„Die müssen sofort rausgeschmissen werden“, erboste sich Verona. Alles nickte. Nur Katarina guckte teilnahmslos durch einen kleinen Spalt im Vorhang, wo der Bullige gerade aufsprang, sich vor der Bühne postierte und wie Gotthilf Fischer wahllos in die Luft dirigierte. Sie hörten neben dem Murmeln der anderen Gäste nun zehn Rheinländer „Ausziehen“ brüllen. Wen sie damit meinten, blieb ungeklärt.
„Und wer soll sie rausschmeißen?“ fragte Klaus und versuchte sich den Anschein des überlegenen Strategen zu geben. „Die nehmen uns doch die Bude auseinander, in dem Zustand in dem die sind.“ Wieder nickten alle außer Katarina.

Immanuel war sich klar darüber, dass er da schon einen Weg gefunden hätte. Aber noch schien ihm die konventionelle Gangart angebrachter. „Ich befürchte, wir können sie nur ruhig stellen, wenn wir sie mit den eigenen Waffen schlagen“, sagte er aus dem Hintergrund und alle Augenpaare, auch die von Katarina, galten nun ihm. Mit den eigenen Waffen zu schlagen war immer eine gute Idee. Jetzt musste ihm nur noch einfallen, was denn eigentlich deren Waffen waren. Dass sie sich nun ebenfalls hinter der Bühne die Kante gaben, war wahrscheinlich nicht die Lösung...

Nach einer insgesamt fünfminütigen Pause trat Immanuel allein auf die Bühne. Die „Ausziehen“-Sprechchöre ebbten augenblicklich ab. Zu seiner Erleichterung schienen die Rheinländer nicht an Entblößungen von ihm interessiert zu sein.
Das Spotlight ging auf ihn und es wurde still. Die meisten erwarteten wahrscheinlich mahnende Worte, was gleichbedeutend mit einem Punktgewinn für die Rheinländer gewesen wäre. Stattdessen lächelte Immanuel so unschuldig, als gelte es ein Diplom für den Cocktailspiel-Sieger des Tages zu vergeben.
Ruhig und überzeugend, als wäre es das Normalste der Welt, sprach er: „Liebe Gäste. Wir haben uns kurz hinter der Bühne beratschlagt und sind zu der Entscheidung gekommen ...“, atemlose Stille, die Rheinländer grinsten ihn siegesgewiss an, „... dass das in Ordnung geht.“
Er setzte eine strategische Pause, damit sich die Gesichtszüge der Rheinländer ein wenig der Situation anpassen konnten. Sie verstanden nichts. Dann fuhr er ebenso ruhig fort: „Verona fühlt sich tatsächlich heute etwas einsam und da uns die Wünsche unserer Gäste Befehl sind, möchten wir sie“, er sah den Bulligen herzerwärmend gütig an, „einladen, es ihr jetzt kurz in der Umbaupause zu besorgen. Sie würde sich sehr freuen.“ Freuen tat sich auch Immanuel über seine erste überzeugende Showleistung. Die Stille und die offenen Münder der Rheinländer signalisierten ihm, dass er die richtigen Worte gefunden hatte. Alle starrten auf den Bulligen während Immanuel das eben gesagt noch einmal auf English, Holländisch und Französisch wiederholte. Dabei wählte er etwas missverständlichere Übersetzungen mit Rücksicht auf die immer noch anwesenden Kinder. Einige der Trinkergruppe schienen im Rausch tatsächlich das Gesagte für wahr zu nehmen und nickten dem Bulligen aufmunternd zu.
Dieser grummelte etwas von „später vielleicht“ und „muss erst mal pissen gehen“ und verschwand dann auf der einzigen Herrentoilette im Raum während zweihundertfünfzig Augen ihn dorthin verfolgten. Dass überraschend das Klopapier bei ihm trotz einsetzendem Durchfall ausging (obwohl sich keiner vor oder nach ihm über derartiges beschwerte), ließ seine Stimmung nicht wieder steigen. So wählte er den direkten Weg hinaus aus dem Veranstaltungsraum zu den Bungalows. Die nunmehr führungslose Gruppe folgte ihm irritiert einige Minuten später unter klatschendem Johlen des restlichen Publikums. Der Rest der Show konnte ungestört fortgesetzt werden und jede Szene wurde frenetisch von den Anwesenden gefeiert, als hätte gerade Georg Michael gerufen „Ladys and Gentlemen: Mr. Elton John“.

Immanuel war an diesem Abend unter seinen Kollegen der Held des Abends. Alle zollten ihm ihre Anerkennung. Selbst Katarina lächelte ihn flüchtig an. Nur Klaus schmollte. Er war dagegen gewesen und hatte sich doch wieder einmal nicht durchsetzen können.


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