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TEUGER |
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Kapitel 6: Teuger
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„Hallo“, sagte Gott zu der Gestalt vor ihm, „ziemlich windig hier oben“. Die Gestalt fuhr erschrocken herum und hätte dabei beinahe das Gleichgewicht verloren. Gott tat naiv führsorglich: „Paß auf, sonst fällst Du noch herunter.“ Die Gesichtszüge der Gestalt verfinsterten sich. Der Schreck wich der Wut: „Das ist auch der Sinn“, murmelte die Gestalt abwesend und drehte sich wieder um. Die Gestalt war ein etwa 50 Jahre alter hagerer Mann mit buschigem halblangem Haar, der am höchsten Punkt des Laboer Ehrenmahls stand. Zwei Drittel seiner Füße hatten Halt auf der Absperrungsmauer, die Fußspitzen hingen frei über knapp 100 Meter Abgrund. Der Mann hieß Johann Teuger, war bis vor fünf Jahren evangelischer Pastor in einer Randgemeinde von Kiel gewesen und hatte eigentlich an diesem Morgen beim Aufstehen den festen und unumstößlichen Entschluß gefaßt, seinem Leben aus für ihn sehr einleuchtenden Gründen ein Ende zu setzen.
Vor zehn Minuten hatte es begonnen zu nieseln, was der Standfestigkeit des Johann Teugers nicht entgegen kam. Eine kleine Windbö ließ ihn zusätzlich etwas schwanken. „Ich würde das nicht tun, wenn ich Du wäre. Sieht ziemlich sinnlos aus“, sprach ihn Gott an, der die bewährte Gestalt des Humphrey Bogart von Immanuels Tauffeier angenommen hatte und lässig gegen ein fest installiertes Aussichtsfernrohr lehnte. Johann Teuger fuhr erneut herum und brüllte Gott sichtlich entnervt an: „Erstens: was fällt Ihnen ein mich zu dutzen. Zweitens: Sie sind nicht ich. Drittens: Was mich betreffend sinnlos ist, entscheide ich und viertens: hauen Sie ab und lassen Sie mich allein. Ich springe sonst.“ Gott lächelte ihn an: „Das willst Du doch eh machen, oder?“ Johann Teuger stutzte kurz. „Das geht Sie gar nichts an. Und wie kommen Sie hier überhaupt rauf? Der Turm ist doch schon seit einer Stunde geschlossen.“ Gott lächelte ihn weiterhin nur an. „Ist auch egal...“, Teugers Stimme wurde wieder etwas ruhiger, „...Sie halten mich vom Springen nicht ab!“ Und wie zum Beweis bewegte er seine Füße einige Millimeter zusätzlich über den Abgrund. Gott lächelte ungerührt weiter. Noch einmal versuchte es Teuger mit einem Quentchen mehr Flehen in seiner Stimme: „Bitte gehen sie. Ich möchte allein sein.“ Gott lächelte provozierend penetrant. „Auch gut...“, murmelte Teugner, „..ihr Problem!“ Er atmete einmal tief durch, machte einen weiten Schritt nach vorne und fiel 80 Meter in die Tiefe. Als der Betonboden so nah kam, als könne er ihn in jedem Moment greifen, schloß er die Augen und erwartete den Aufprall.
Dieser blieb aus. Er spürte zwar, daß er etwas hartes berührte, doch hatte er mit gewaltigerem gerechnet. Zumindest einen kurzer Schmerz hätte er doch spüren müssen. Und daß er sich über derartige Dinge noch Gedanken machte, verblüffte ihn noch mehr.
Als Teuger sich nach weiteren endlosen zwanzig Sekunden traute die Augen zu öffnen, lag er bäuchlings auf der feuchten Absperrungsmauer und starrte in das selbstzufriedenste Lächeln, das er je gesehen hatte. „Das Wort ‚sinnlos’ hatte ich erwähnt, oder?“ fragte Gott. Teuger entschied sich, logische Erwägungen auf eine unbestimmte Zeit später zu verschieben. Zunächst zog er es vor, sich hochzurappeln, mit Gesicht und Beinen Richtung Abgrund auf der Mauer sitzen zu bleiben und verwirrt zu gucken. Gott nahm neben ihm Platz und beide starrten sie einige Minuten in das trübe Wetter über dem Meer. Zwei mal holte Teuger Luft um etwas zu sagen, gab sein Vorhaben aber jeweils kurz vor der Bildung des ersten Lautes wieder auf. „Ich brauche einen Lehrer für meinen Sohn“, durchbrach Gott als erster die Stille. Teuger drehte seinen Kopf leicht in seine Richtung. Es wirkte, als würde er durch Gott hindurchschauen. „Du fragst dich sicherlich, weshalb du hier sitzt und nicht den Beton dort unten verschmierst.“ Teuger nickte unmerklich. Nur sehr langsam wagten sich erste Gedanken zurück in seinen Kopf. Gott verschob die Wirkung seines Lächelns mehr in Richtung Gütigkeit: „Du sollst ein paar Antworten von mir bekommen. Zu erstens: genau genommen hast Du mit dem Dutzen angefangen, schon vor längerer Zeit. Zu zweitens: da könnte man länger drüber diskutieren. Zu drittens: Sinnlosigkeit kann durchaus objektiv bestimmt werden... nun ja, eigentlich gibt es ja Leute, die behaupten, daß alles auf Gottes Erden...“, er hüstelte kurz, „... einen Sinn habe. Zu viertens: ...“, er lächelte wieder einen Tick schadenfreudiger, „... ich glaube die Sache hat sich überholt. Und die Frage, wie ich hier hochgekommen bin, beantwort sich hoffentlich von selbst, wenn ich erwähne, daß ich Gott bin.“
Es trat eine etwa dreißig sekündige Pause ein, in der rein gar nichts passierte. Dann fügte Gott hinzu: „Was auch erklären sollte, weshalb wir hier sitzen und Du nicht gerade oben an meine Tür klopfst... ämm... bildlich gesprochen natürlich...“ Gott zwinkerte Teuger aufmunternd zu, „Noch weitere Fragen?“
Teugner starrte nur leer durch Gott hindurch. Gott gab ihm eine Ohrfeige.
Das laute Klatschen und ein pochender Schmerz in seiner linken Wangengegend brachten Teuger allmählich wieder dazu, erste als solches erkennbare Gedanken zu fassen. Noch einmal traf Gottes rechte Hand seine linke Wange. Teugners Gedanken nahmen dramatisch an Klarheit zu. Mit einer Kraftanstrengung sondergleichen rief sich Teugner die letzten Sätze, die der Mann neben ihm gesprochen hatte, zur genaueren Analyse zurück ins Präsenzgedächtnis. Er drehte sich zu Gott, grinste irre und ließ sich sachte nach vorne in Richtung Abgrund und Betonboden kippen. Er fiel erneut etwa 80 Meter, dieses Mal mit weit geöffneten Augen.
Dann lag er wieder auf der Mauer auf der Spitze des Ehrenmals.
„Du bist nicht sehr unterhaltsam“, stellte Gott fest, den Triumph in seiner Stimme kaum verbergend. „Du hast Glück, daß bei dem Wetter keiner Deine beiden Abflüge bemerkt hat. Das wäre sonst eine weit größere Arbeit und so etwas hebt meine Laune nicht gerade. Ich mag sowieso nicht, wenn man mich auf die Probe stellt, du verstehst?“
Teuger verstand natürlich überhaupt nichts. Er erwog kurz, sich ein drittes Mal von der Mauer abzustoßen, dieses Mal mit mehr Kraft. Als er Gottes schüttelnden Kopf sah, als wüßte dieser genau, was Teuger gerade dachte, verschob er die Entscheidung auf später. „Sie... also du bist also Gott?“ fand er seine Stimme wieder und legte soviel Spöttelei hinein, wie ein Mensch in der Lage war, der gerade zwei eigentlich sehr erfolgsversprechende Selbstmordversuche hinter sich hatte. „Jupp“, bestätigte Gott. „Gut...“ Zwei Minuten Stille. „Aha...“ Weitere zwei Minuten ohne einen Laut. „Und wieso sollte ich das glauben?“ Gott sah ihn vorwurfsvoll an. „Du meinst“, fuhr Teuger fort „nur weil ich zwei mal von einem hundert Meter hohen Turm springe und kurz vor dem Aufprall urplötzlich wieder auf dem Turm liege, soll ich das als Beweis nehmen, daß du Gott bist?“ Gott nickte. Auch Teuger nickte: „Okay, es ist ein Argument.“ Teuger schien über etwas nachzudenken. Gott unterbrach ihn dabei: „Wie gesagt, Du sollst meinen Sohn unterrichten. Er lebt hier in der Nähe, ist beinahe sieben Jahre alt und hat nicht die geringste Ahnung von Gotteskräften. Das ist eine Gefahr für ihn, aber vor allem auch für seine Umgebung. Daher habe ich Dich ausgesucht, ihn behutsam auf das Dasein eines Gottes-Sohns vorzubereiten. Besser als da unten auf mehreren Quadratmetern verteilt zu liegen ist das doch alle Mal, oder?“ Teuger war davon nicht überzeugt. „Hmm... also angenommen, Du bist tatsächlich Gott. Nur einmal angenommen... nicht daß ich als Priester an Dir zweifeln möchte. Aber nur einmal angenommen... warum dann einen selbstmordgefährdeten, offensichtlich labilen seit zwei Jahren bekennenden Atheisten für die Aufgabe auswählen?“ „Die Frage ist durchaus berechtigt...“, erwiderte Gott, „ich habe mir die Entscheidung auch nicht leicht gemacht.“ Gott verharrte kurz. „Aber ich wußte natürlich sofort, daß du der Richtige bist. Ich wollte gerade keinen Vorzeige-Pastor. Die wissen zwar rudimentär ein paar Dinge über das Gottsein - sehr rudimentäre Fakten wie gesagt – aber sind zusätzlich auch noch ziemlich verbohrt. Du bist anders. Du, nun ja, ‚glaubst’ nicht alles unüberlegt, nur weil es irgendwo geschrieben steht.“ Gottes Gesichtsausdruck wurde ernster. „Es wird sehr viel geschrieben... was meinst du kommt raus, wenn du über viele Jahre ununterbrochen Stille-Post spielst und dann das letzte, was du im Kopf hast, aufschreibst? Richtig, sehr viel wirres Zeug. Daß du da den Glauben an mich verloren hat, kann ich Dir nachsehen.“ „Aha...“, hakte Teuger ein und seine Miene verfinsterte sich, „... da war aber auch noch die Geschichte mit meiner Frau, wie du sicherlich weißt. Warum mußte sie so elendig bei diesem Unfall sterben? Ebenso wie meine Tochter?“ Teuger sah Gott vorwurfsvoll an. „Wenn etwas sinnlos ist, dann das. Das hat nichts damit zu tun, was sich ein Paulus oder ein Mathäus so zusammengereimt hat. Das hat damit zu tun, daß man sich in solchen Situationen sehr einsam fühlt... Gottverlassen einsam. Und wenn man dann merkt, daß man wohl sein halbes Leben auf das falsche Pferd gesetzt hatte, dann kann auch ein Pastor zum bekennenden Glaubensgegner werden.“
Teuger holte tief Luft. Fordernd starrte er auf Gott und brüllte gegen den aufkommenden Sturm an. „Warum sagst du nichts? Du sollst doch angeblich allwissend sein. Fällt dir darauf nichts ein? Das soll einen Sinn gehabt haben. Eine von den Sinnhaftigkeiten, von denen wir Menschen angeblich nichts verstehen können, weil doch die Wege des Herrn ach so unergründlich sein? Bin ich also einfach zu doof dafür, in dem Tod meiner Frau und meiner Tochter, den wichtigsten Menschen, die ich je hatte, deine großartige Liebe wiederzuentdecken? Und so ein Idiot soll deinen Sohn unterrichten?“
Gott verharrte ungerührt, bis sich die Atemstöße des Mannes neben ihm abflachten.
„Ich weiß...“, sagte er ruhig, „...und ich kann dich gut verstehen.“ Die Ruhe in Gottes Stimme regte Teuger nur noch mehr auf. Doch noch bevor er erneut losbrüllen konnte, legte Gott sanft seinen rechten Zeigefinger auf Teugers Lippen. „Du hast recht.“, sprach Gott weiter. „Der Tod von Deiner Frau und Deiner Tochter hatte keinen Sinn, wie so viele schreckliche Dinge in jeder Minute keinen Sinn haben. Auf die Idee, die Schuld dafür einem anderen in die Schuhe zu schieben, nämlich mir, und dann sogar noch zu behaupten, daß das eigentlich etwas Gutes deshalb haben müsse, können auch nur Menschen kommen. Meine Idee war das sicherlich nicht. Aber der einzige Grund dafür, daß Ungerechtigkeiten passieren, ist, daß es so ist. Die Welt tickt eben so. Natürlich habe ich die Macht, Dinge zu verändern. Aber wenn ich bei jedem Ereignis einschreiten würde, das ungerecht erscheint, dann wäre die Welt nicht mehr die, die du kennst. Fast alles hat für einige Menschen auch etwas Unangenehmes. Und nimmt man nur die krassen Fälle, bleibt pro Minute noch eine genügend hohe Anzahl übrig, um damit beim Eingreifen ständigen Einfluß auf alle Menschen auszuüben.“ Gott machte eine bedächtige Pause bis er das Gefühl hatte, daß Teuger tatsächlich begann über seine Worte nachzudenken. „Außerdem bin ich auch nur ein Gott und wer sollte mir das Recht gegeben haben, mich überall einzumischen?“ Gott erkannte noch in dem Moment, als er diesen Satz aussprach, daß er damit einiges von der Wirkung der vorherigen Sätze wieder zunichte gemacht hatte. Insbesondere wenn man die Ereignisse der letzten halben Stunde sich ansah. ‚Götter sind auch nicht absolut perfekt’, dachte er bei sich und war eigentlich doch ganz froh, daß sein Image ein anderes war. Zumindest solange von den Menschen alles zu seinen Gunsten ausgelegt wurde. „Kurz:“, resümierte Gott, „was passiert ist, ist passiert - auch schreiende Ungerechtigkeit. Und meine Aufgabe ist es nicht, alles Schlechte zu verhindern. Dazu gibt es davon zu viel. Was nichts daran ändert, daß ich dein Leid verstehen kann.“
Teuger strafte Gott nur mit einem resignierenden Blick ab. „Vielleicht hast du Recht. Was passiert ist, ist passiert. Man sollte die Vergangenheit ruhen lassen“, murmelte Teuger vor sich hin und Gott war sich sicher, daß seine Überzeugungsarbeit noch nicht vollständig zum Adressaten durchgedrungen war.
Gott wechselte das Thema: „Machst Du den Job?“ „Habe ich eine Wahl?“ „Natürlich hast Du eine Wahl“, Gott hätte sich gewünscht, überzeugter zu klingen, „Du machst es oder du läßt es. Du hast die einmalige Chance das Schicksal der Welt mitzubestimmen. Du kannst dir vorstellen, daß mein Sohn das Potential hat, die Welt zu verbessern.“ Gott klang stolz. „Und du kannst maßgeblich daran mitwirken. Ich würde dich nicht fragen, wenn du nicht der Beste dafür wärst. Aber du kannst es selbstredend auch lassen. Dann bin ich augenblicklich verschwunden, du kannst springen und wirst endlich eines der großen Rätsel der Menschheit für dich lösen, was wirklich passiert, wenn man stirbt... wenn du das wirklich so schnell erfahren willst...daß du dann vor einer silbernen Himmelspforte oder etwas Ähnlichem stehst...“, Gott zog die Augenbrauen hoch als hätte er gerade etwas ausgesprochen Lächerliches gesagt, „...muß ja nicht die wahrscheinlichste Möglichkeit sein...“ Gott wußte, daß dieses nicht fair war. Aber er war eben auch Vater und Väter wollen nun einmal das Beste für ihre Kinder, koste es was es wolle.
Teuger schien den Bluff von Gott jedoch durchschaut zu haben. Dennoch hatte ihn die Geschichte neugierig gemacht. „Ich kann mir den Kleinen ja mal anschauen. Heute war eh kein guter Tag zu Sterben.“
Gott sah zufrieden aus. „Dann ist es abgemacht?“ fragte Gott und hielt Teuger fordernd seine geöffnete recht Hand hin. Teuger zögerte kurz. „Du bist ja auch in der Zeit, in der ich jetzt bei dir bin, nicht blind geworden“, beruhigte Gott ihn.
Ein kräftiger Händedruck durchwedelte die Naß-Kälte des anbrechenden Abends. Allmählich wurde es dunkel. Diese erste echte Berührung zwischen Gott und einem Menschen nach vielen tauschend Jahren dauerte nur wenige Sekunden. Dann stieß Teuger sich mit einem Jauchzer von der Mauer ab und rauschte zum dritten Mal an diesem Tag an der Mauer des Laboer Ehrenmals hinunter. Gott lies sich dieses Mal besonders viel Zeit. Er haßte es auf die Probe gestellt zu werden. Und doch bestärkte es ihn nur in der Gewißheit, die richtige Entscheidung gefällt zu haben.
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