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Kapitel 5: Immanuels Kindheit

Im Abstand von einigen Monaten schaute der eine oder andere Prophet bei Immanuel vorbei und erzählte zu den unpassendsten Gelegenheiten zuerst seine eigene Geschichte und dann die von einem Heilland, der angeblich in der Nähe sei. Zum Glück waren die Propheten stets unter Abgesang von Gottespreisungen so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. So fand man sich nach ein paar Jahren in Immanuels Umfeld damit ab. Es gab eben im Zuge der wachsenden Arbeitslosigkeit und Armut auch immer mehr Irre in Deutschland. Lästig wurde dies für Immanuel erst wieder, als er in die Schule kam. Aber zu dem Zeitpunkt fand er andere Möglichkeiten, dieser Plage Herr zu werden.

Immanuel wuchs ansonsten wie ein normaler Junge auf. Zwar war er bei allem, vom ersten Zahn, den ersten Laufversuchen, dem ersten Wort bis hin zum ersten echten Klohgang und dem Fahrradfahren ohne Stützräder, immer etwas früher dran als seine Altersgenossen. Aber diese Abweichung von der Norm hielt sich in annehmbaren Grenzen. Weitere Auffälligkeiten gab es zunächst für Verwandte und Bekannte nicht. Dies lag auch an Gott, der neben seinen sonstigen Tätigkeiten stets ein waches Auge auf seinen Sohn hatte. Dieses war auch notwendig, denn Angela und Kevin waren zwar gute Eltern, die sich bemühten, ihren Sohn nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen, ohne all zu schnell dieses auf den Fernseher und die Kindergartenkumpels abzuschieben. Doch auch Tonnen von Holzspielzeug, zahllose Zoobesuche und konsequentes Nicht-bestrafen-sondern-Fehler-einsichtig-machen lehrten ihm nicht die Benutzung von göttlichen Fähigkeiten. Selbst wenn sie etwas davon geahnt hätten, hätten sie kaum gewußt, wie man neben dem richtigen Gebrauch einer Zahnbürste auch den zweckmäßigen Einsatz von Wundern beibringt.

Gott war somit in den ersten Jahren vor allem damit beschäftigt zu verhindern, daß Immanuel etwa nur deswegen, weil er ein Spielzeug nicht bekam, dieses sich selbst aus einem Schnuller erschuf. Ahnungslose Freunde der Familie mußten davor beschützt werden, daß wahllose Deformationen ihres Körpers unterbunden wurden, nur weil sie Immanuels Drängen auf Auf-den-Arm-nehmen oder Ballspielen nicht unverzögert nachkamen.

Die meisten der ersten Versuche Immanuels beim Einsatz seiner Fähigkeiten wurden so im Keim erstickt. Gott hatte nur wenige Wunder durchgehen lassen und dieses auch nur, weil er wie fast jeder Vater Dinge durchgehen ließ, die entweder besonders ‚süß’ waren, oder andernfalls außergewöhnlich viele Tränen bedeutet hätte. So hatten zwei Goldfische, die Immanuel zu seinem fünften Geburtstag bekommen hatte, innerhalb von zwei Wochen drei Wiederauferstehungen über sich ergehen zu lassen. Dies ließ Gott zu, obwohl absehbar war, daß die Sättigung des Aquariumwassers mit geeignetem und ungeeignetem Futter jeweils keine längere Überlebenschance als 48 Stunden zuließ. Auch die mittige Trockenlegung einer Badewanne durch Teilung des Schaumwassers, das zu Immanuels Leidwesen leicht zu kalt gewesen war, wurde von Gott erst mit einem Schmunzeln gestoppt, als Angela nachgucken kam, weshalb ihr Sohn so vor Freude quiekte.

So spürte Immanuel mit steigendem Alter und wachsender Einsichtsfähigkeit, daß etwas bei ihm anders war als bei seinen Spielkameraden. Und als er eingeschult wurde und sich für Gott schnell herausstellte, daß er beinahe vollständig damit beschäftigt war, Lehrer und Mitschüler vor den Gefahren von Immanuels Lernstreß zu schützen, beschloß er, Immanuel einen Lehrmeister zur Seite zu stellen.

Das Problem war nur, daß es sich hier nicht um die Vermittlung einer Asiatischen Kampftechnik ging, für die es Massen an weißbärtigen Großmeistern auf der Welt gab, die darauf brannten, ihre Kenntnisse der wißbegierigen Jugend weiterzuvermitteln. Zwar gab es viele hunderttausend Menschen, die sich nach ihrer Vorstellung Gott verschrieben hatten und nun vor allem zu Weihnachten, Ostern und zu Familienfesten die Lehren Gottes verbreiteten. Jeder davon wußte wie toll und unsagbar klug die Wunder von Gott waren, doch keiner hatte auch nur im Entferntesten eine Ahnung, wie und wann man sie selber vollbrachte bzw. wann gerade nicht.

Hatte Gott in diesem Dilemma kurzzeitig erwogen, selbst den Kontakt zu seinem Sohn zu suchen, hielt er dieses nach reiflicher Überlegung doch noch für zu früh. Und so machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Gotteslehrer.