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Im Abstand von einigen Monaten schaute noch der eine oder andere Prophet bei Immanuel vorbei und erzählte zu den unpassendsten Gelegenheiten zuerst seine eigene Geschichte und dann die von einem Heilland, der angeblich in der Nähe sei. Zum Glück waren die Propheten stets unter Abgesang von Gottespreisungen so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. So fand man sich in Immanuels Umfeld damit ab. Es gab eben im Zuge der wachsenden Arbeitslosigkeit und Armut auch immer mehr Irre in Deutschland. Immanuel wuchs ansonsten wie ein normaler Junge auf. Zwar war er bei allem, vom ersten Zahn, den ersten Laufversuchen, dem ersten Wort bis hin zum ersten echten Klogang und dem Fahrradfahren ohne Stützräder, immer etwas früher dran als seine Altersgenossen. Aber diese Abweichung von der Norm hielt sich in annehmbaren Grenzen. Weitere Auffälligkeiten gab es zunächst für Verwandte und Bekannte nicht. Dies lag auch an Gott, der neben seinen sonstigen Tätigkeiten stets ein waches Auge auf seinen Sohn hatte. Dieses war auch notwendig, denn Angela und Kevin waren zwar gute Eltern, die sich bemühten, ihren Sohn nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen, ohne diesen all zu schnell auf den Fernseher und die Kindergartenkumpels abzuschieben. Doch auch Tonnen von Holzspielzeug, zahllose Zoobesuche und konsequentes Nicht-bestrafen-sondern-Fehler-einsichtig-machen lehrten ihm nicht die Benutzung von göttlichen Fähigkeiten. Selbst wenn sie etwas davon geahnt hätten, hätten sie kaum gewusst, wie man neben dem richtigen Gebrauch einer Zahnbürste auch den zweckmäßigen Einsatz von Wundern beibringt.
Gott war somit in den ersten Jahren vor allem damit beschäftigt zu verhindern, dass Immanuel etwa nur deswegen, weil er ein Spielzeug nicht bekam, dieses sich selbst aus einem Schnuller erschuf. Ahnungslose Freunde der Familie mussten davor beschützt werden, dass Deformationen ihres Körpers unterbunden wurden, die drohten, nur weil sie Immanuels Drängen nach Auf-den-Arm-nehmen oder Ballspielen nicht unverzögert nachkamen.
Die meisten der ersten Versuche Immanuels beim Einsatz seiner Fähigkeiten wurden so im Keim erstickt. Gott hatte nur wenige Wunder durchgehen lassen und dieses auch nur, weil er, wie fast jeder Vater, Dinge durchgehen ließ, die entweder besonders ‚süß’ waren, oder andernfalls außergewöhnlich viele Tränen bedeutet hätten. So hatten zwei Goldfische, die Immanuel zu seinem fünften Geburtstag bekommen hatte, innerhalb von zwei Wochen drei Wiederauferstehungen über sich ergehen lassen müssen. Dies ließ Gott zu, obwohl absehbar war, dass die Sättigung des Aquariumwassers mit geeignetem und ungeeignetem Futter jeweils keine längere Überlebenschance als 48 Stunden zuließ. Auch die mittige Trockenlegung einer Badewanne durch Teilung des Schaumwassers, das zu Immanuels Leidwesen leicht zu kalt gewesen war, wurde von Gott erst mit einem Schmunzeln gestoppt, als Angela nachgucken kam, weshalb ihr Sohn so vor Freude quiekte.
So spürte Immanuel mit steigendem Alter und wachsender Einsichtsfähigkeit, dass etwas bei ihm anders war als bei seinen Spielkameraden. Und als er eingeschult wurde und sich für Gott schnell herausstellte, dass er beinahe vollständig damit beschäftigt war, Lehrer und Mitschüler vor den Gefahren von Immanuels Lernstress zu schützen, beschloss er, Immanuel einen Lehrmeister zur Seite zu stellen. Das Problem war nur, dass es hier nicht um die Vermittlung einer asiatischen Kampftechnik ging, für die es Massen an weißbärtigen Großmeistern auf der Welt gab, die darauf brannten, ihre Kenntnisse der wissbegierigen Jugend zu vermitteln. Zwar gab es viele hunderttausend Menschen, die sich nach ihrer Vorstellung Gott verschrieben hatten und nun vor allem zu Weihnachten, Ostern und zu Familienfesten die Lehren Gottes verbreiteten. Jeder davon wusste wie toll und unsagbar klug die Wunder von Gott waren, doch keiner hatte auch nur im Entferntesten eine Ahnung, wie und wann man sie selbst vollbrachte bzw. wann gerade nicht. Hatte Gott in diesem Dilemma kurzzeitig erwogen, selbst den Kontakt zu seinem Sohn zu suchen, hielt er dieses nach reiflicher Überlegung doch noch für zu früh. Und so machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Gotteslehrer.
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