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TAUFE

Kapitel 4: Die Taufe

Als Immanuel 40 Tage alt war, kam die Zeit, daß er getauft werden sollte. Zumindest war dies der feste Wille von Kevins Mutter, die Angela seit der Geburt mit nichts anderem in den Ohren gelegen hatte.
Gott selber hielt nicht viel von Predigten und einem Großteil der kirchlichen Rituale. Zu Beginn mochten sie noch ganz nett gewesen sein, inzwischen ermüdeten sie ihn nur noch. Aber getauft werden sollte sein Sohn schon, schließlich galt es eine Tradition aufrecht zu halten. Und dieses mal nicht erst mit dreißig.
Leider waren Angela und Kevin bisher nicht der Meinung gewesen, daß ihr Kind getauft werden sollte. In guter antiautoritärer Tradition sollte ihr Kind selber entscheiden, ob es diesen Schritt machen wollte. Gott mußte somit einen Weg finden, sie vom Gegenteil zu überzeugen.
Eine Erscheinung in Angelas Träumen schlug leider fehl. So leicht war sie nicht zu beeindrucken und die Traumgläubigkeit der Menschen war arg zurückgegangen mit den Jahrtausenden. Doch ein Gott hadert nicht mit seinen Entscheidungen hinsichtlich der Auswahl der Eltern seiner Kinder und so nahm er auch diese Herausforderung an.

Als nachdrücklichste Einwirkungsmöglichkeit bot sich Angelas Schwiegermutter an. Diese war bereits nach einer kurzen Traumbotschaft für jede Taufidee begeistert. Und wie Schwiegermütter nun einmal sind, blieb sie hartnäckig.
„Alle in unserer Familie sind getauft worden“, brachte sie stets als Einstiegsargument. Und ein jedes Mal konterte Angela: „In meiner Familie ist es üblich, daß die Kinder selber entscheiden, ob sie in die Kirche wollen oder nicht!“
„Pappalapapp...“, unterbrach die Schwiegermutter sie, wobei dieses Pappalapapp-Argument erst im Verlauf der zweiten Diskussionswochen von Ihr eingebracht worden war, „... das Kind wird nicht daran sterben. So eine Feier ist doch etwas Schönes.“
„Aber eine Feier ist auch in vierzehn Jahren noch schön, und dann hat Immanuel auch viel mehr davon. Jetzt ist das doch nur ein böser Mann in weißem Umhang, der ihn naß spritzt.“
Die Diskussion wurde lauter.
„Nun werd mal nicht atheistisch.“ Die Schwiegermutter hielt diesen Ausdruck schon für ziemlich nachhaltig und entschied sich, zur Unterstreichung ihrer Ernsthaftigkeit zusätzlich ein wenig rot anzulaufen. „Mein Enkel wird getauft! Da führt kein Weg dran vorbei. Oder willst Du, daß dein Sohn so ein wilder...“, sie mochte es gar nicht aussprechen, „... so ein... Atheist wird?“ Und sie legte erneut soviel Verachtung in dieses Wort, daß es Angela kalt den Rücken hinunterlief. Daß ihr die Glaubensrichtung oder auch Nichtglaubensrichtung ihres Kindes einigermaßen egal war, behielt sie zur Deeskalation lieber für sich.
So trat an dieser Stelle stets ein unangenehmes Schweigen ein, das ewig zu dauern schien. Gut daß nicht bekannt war, daß ein Großteil von Angelas Familie längst aus der Kirche ausgetreten war und sie diesen Schritt spätestens für den Zeitpunkt, wenn sie Kirchensteuer würde zahlen müssen, auch fest eingeplant hatte.
Angela probierte es mit Beschwichtigungen: „Ich respektiere die Traditionen in Eurer Familie. Aber Immanuel wird viel eher ein guter Christ werden...“, sie kam sich etwas albern bei diesen Worten vor, „... wenn er die Entscheidung selber fällt.“
Ihre Schwiegermutter wurde noch ein wenig roter und erreichte mühelos das Aussehen einer überreifen Tomate. „Quatsch. Christ-Sein hat etwas mit Erziehung zu tun. Mit Kultur. Woran soll mein Enkel denn glauben, wenn nicht an Gott? Oder willst Du, daß er so ein tätowierter Rumlungerer wird?“
Auf dieses Argument fiel Angela regelmäßig nichts mehr ein. Angela graute schon vor dem Tag, sollte Ihr Sohn noch zu Lebzeiten der Schwiegermutter einmal öffentlich bekannt geben, daß er schwul wäre, oder Schauspieler werden wolle, oder beides. Wie konnte man bloß so altmodisch sein?

Immanuel fing an zu schreien und Angela war dankbar für die Unterbrechung. Wie abwegig allerdings die Vermutung war, daß Immanuel nicht in seinem Leben von Gott erfahren würde, ahnte sie nicht.

Die Taufe wurde schließlich auf Mitte März angesetzt.

Eilig wurden zwei Taufpaten gefunden, Verwandte und Gäste eingeladen und ein Taufmenü aufgestellt. In einer nur mäßig besuchten Kirche in Eckernförde an einem regnerischen Sonntag traf man sich schließlich zum Taufen.
Auch Gott ließ sich das Ereignis nicht entgehen. Nicht oft war er in den letzten Jahrhunderten bei Gottesdiensten anwesend gewesen. Sie waren ihm einfach zu langweilig geworden. Immer die gleichen Reden, die Betroffenheit und schlecht gesungenen Lieder, die einzig aus zahllosen Variationen von Tonfolgen auf Ausdrücke wie „Preiset den Herrn“, „Lobet den Herrn“, „Herr oh Herr“ oder „Dein Herr Dein Hirte“ bestanden.
Aber an diesem Tag wollte er dabei sein. Und so erschien er der Taufgesellschaft als ganz normaler Mensch mit hellem Tranchecode und schwarzem Schlapphut wie frisch aus einem Humphrey Bogart Film entsprungen – altmodisch, aber schick. Beachten tat ihn in dieser Verkleidung dennoch keiner und so konnte er unerkannt auf einem der hinteren Bankreihen Platz nehmen.

Viel hatte sich verändert. Lautsprecher fanden sich dort, wo früher gekreuzigte Jesusse hingen. Alles war rechtwinkliger, sogar die Wandzeichnungen und Glasornamente, die jede Art von Gesichtszug vermissen ließen – wie ein riesiges Bilderrätsel von „Malen nach Zahlen“ im Tierfreund.

Allmählich füllte sich die Kirche, ohne daß die Gefahr bestand, daß sich jemand zu Gott in dessen Sitzreihe verirren würde. Wäre es nicht Gott, hätte man es für einen Hauch von Nervosität halten können, als er leicht unkoordiniert in dem vor ihm liegenden Gesangsbuch blätterte.
Ein schlecht kopierter DIN-A-4 Zettel stellte den näheren Ablauf des Gottesdienstes dar. Genaue Anweisungen wurden gegeben, wann man sich zu erheben hatte, wann wer sang und wann Stille herrschen mochte. Der Zettel endete mit den verheißungsvollen Worten: „PastorIn: Segen – Gemeinde: Amen“.
Gott überlegte sich kurz, ob er nicht doch noch ein paar Wunder an weit entfernten Orten würde zwischendurch erledigen müssen, besonn sich sodann jedoch auf seine Rolle als Vater und Vorbild und blieb sitzen.
Eine laut kreischende Orgel riß ihn aus allen Gedanken. Die wuchtigen Kirchentüren waren inzwischen ins Schloß gefallen und würden sich allem und jedem mit aller Kraft in den Weg stellen, der es wagen würde vor „Segen – Amen“ diesen heiligen Ort zu verlassen. Gott fröstelte es etwas, auch wenn er eigentlich gar nicht zu solchen Gefühlen fähig war. Wie erstaunlich, daß trotz Verstärker und Expressionismus die Erfindungen der Heizung, Wärmedämmung und des Wasserklosetts noch keinen Einzug in den zentraleuropäischen christlichen Glauben genommen hatten.
Der Pastor, ein hagerer kleiner Mann mit Vollbart, stimmte das erste Lied an und blieb auch bis zu dessen Ende die einzige vernehmbare Stimme - sah man von dem kleinen Immanuel ab, der von so viel Festlichkeit und schiefer Stimme aus seinem seligen Schlaf in Angelas Armen hochgeschreckt worden war. Trotz aller Schalltechnik war es selbst dem Duo Pastor – Orgel nicht möglich, diesem Geschrei etwas auch nur ansatzweise entgegenzusetzen. Der Pastor holte alles aus seiner Kehle heraus, erste Schweißperlen glitten von seiner Stirn. Und dem unaufmerksamen Zuhörer wäre es beinahe entgangen, daß das erste Lied zwischenzeitlich beendet war.
Gott sah mit seinem allsehenden Auge, wie sich die Gesichter der meisten Kirchgänger aufhellten, dank dieser erfreulichen Abwechslung des Predigt All-Sonntags. Und auch Gott lächelte gütig und auch ein wenig hämisch. Das erste Mal war er wirklich stolz auf seinen Sohn. Angela und Kevin jedoch war die wachsende Anspannung anzumerken. Angela brauchte gar keinen Blick zu ihrer Schwiegermutter werfen. Sie fühlte die bohrenden Augen auf sich, die nichts anderes auszudrücken vermochten als abgrundtiefe Verachtung gegenüber ihren Erziehungsmethoden. Erst Tonnen von Geschaukel, Gezische und Liebe konnten Immanuel etwas beruhigen. Doch der weiße Programmzettel verhieß nichts Gutes. Das nächste Lied drohte.

Immanuel hatte die übernatürliche Kraft, noch weitere vier Gesänge niederzubrüllen. Gott war froh, doch zwischenzeitlich keinem Eskimostamm als Feuerseule erschienen zu sein und das Schauspiel in vollen Zügen zu genießen.

Mit aller Gütigkeit, zu der der Pastor an diesem anstrengen Sonntagmorgen noch fähig war, bad er nunmehr die junge Familie zu sich hinauf. Erste Blitze zuckten durch das Kirchenschiff, das kratzende Summen eines ausfahrenden Objektivs war zu vernehmen. Pech für den Patenonkel von Angela, der direkt hinter Gott über seinen Kopf hinweg fotografierte. Sein Film war längst überbelichtet, bevor er überhaupt den Auslöser betätigen konnte. Gott war eben etwas fotoscheu.

Das Zeremoniell näherte sich seinem Höhepunkt. Gerade setzte der Pastor an, den Taufakt zu vollziehen und tauchte seine rechte Hand ins Taufbecken, als es erst quietschte, dann krachte, dann wieder quietschte und schließlich wummerte. Die schweren Kirchentüren waren mit für diese erstaunlicher Wucht - sie waren bisher ausschließlich sanfte Bewegungen gewöhnt gewesen - aufgestoßen worden, an die angrenzende Wand geknallt, zurückgeschleudert, erneut krachend ins Schloss gefallen und hingen nun noch leicht vibrierend da, als wäre nichts geschehen. Die einzige Veränderung war eine alte Frau, die den kurzen Moment zwischen Aufstoßen und Zufallen genutzt haben mußte, um durch das Portal hindurchzuschlüpfen. Sie verharrte nun mit ernster Miene am Anfang des Kirchenschiffs.

Die gesamte Taufgesellschaft starrte sie an und sie starrte Immanuel an. Es war kaum vorstellbar, daß diese Frau, die sicherlich schon weit über 80 Jahre alt war, die schweren Flügeltüren so malträtiert haben sollte. Ihr Gesicht bestand vollständig aus Falten. Ihr nur noch geringes Quantum an weißen Haare hing in schweißverschmierten Strähnen am Hinterkopf hinunter. Dabei trug sie ein schmutzig graues Hemd, das ihr bis unter die Knie reichte. Gichtige Finger lugten verstohlen aus den viel zu langen Ärmeln hervor.

Zielstrebig setzte sie sich in Richtung Taufbecken in Bewegung. Ihre langsamen ächzenden Schritte ließen viel Zeit für Gemurmel und Wispern zwischen den Bänken. Nur Gott sah ihr eher gelangweilt hinterher. Er kannte sie und er wußte, was nun folgen würde. Hatte er dieses Schauspiel doch schon mehrfach über sich ergehen lassen müssen.
Wie schon erwähnt, gab immer wieder Menschen auf der Welt, die waren selbst ohne unmittelbares Einwirken durch Gott, sofern man annahm, daß dieses überhaupt möglich war, anders als andere. Diese Menschen konnten mehr Dinge sehen, als eigentlich für Menschen zugedacht waren. Insbesondere was Gott und sein Umfeld anging, hatten sie erstaunliche Einblicke. Selbst Gott konnte sich dieses nicht erklären, was natürlich nichts an seiner Allwissenheit und Allmacht änderte. Und manchmal konnten diese Menschen ziemlich nervig sein. Insbesondere wenn Gott mal wieder einen listigen Plan ausgeheckt hatte, um einen besonders gelungenen Wunder-Effekt zu inszenieren, konnte er sich beinahe sicher sein, daß einer von diesen anders-als-andere-Menschen von irgendwoher auftauchte und die ganze Show kaputtmachte. Diese Menschen hatten nichts anderes zu tun, als ihr ganzes Leben lang wie ein Groupie Gott und seinen Taten hinterherzureisen, um aller Welt zu beweisen, wie toll sie sind und daß sie mehr wissen als alle anderen. Allerdings war Gott nicht bekannt, daß auch nur durch einen dieser ‚Seher’ die Welt auf irgendeine Art besser geworden wäre. Sie polterten herein, erzählten allen, die es hören wollten und auch denen, die es nicht hören wollten, die Pointen von Gottes geplantem unerklärlichen Handeln und machten sich sogleich auf, Selbiges folgende Woche irgendwo anders erneut zu veranstalten.

Und diese alte Frau dort, die sich inzwischen bis auf drei Meter an das Taufbecken herangequält hatte, war eine von ihnen. Nun verharrte sie einen Moment lang, drehte sich zu der Taufgesellschaft um und, unmerklich für alle übrigen, nickte Gott wie zur Begrüßung eines alten Kumpels zu. Gott mußte sich zusammenreißen, um die Großmütigkeit in seinem Gesichtsausdruck zu wahren. Diese Propheten waren ihm zu tiefst zu wider.

Tief vergrub Gott sein Gesicht in seinen Händen, als die Frau zu sprechen begann. Es schien, als wollte er jeden Eindruck zerstreuen, er könnte mit ihr irgend etwas zu tun haben. Vom vielen Prophezeien war die Stimme der Frau rauh aber auch sehr leise geworden. Nur die unmittelbar in ihrer Nähe plazierten Taufgäste dürfte eine Ahnung davon bekommen haben, was sie wisperte. Und so wirkte ihr erster Satz eher ironisch, zumindest für die, die ihn aus dem Grundrauschen der Kirche entschlüsseln konnten:

„Und so höret meine Worte! Mein Name ist Simeon.“

Gott flüsterte leise vor sich hin: „Und ich bin ein Nachfahre des Simeon von Jerusalem“.
Die alte Frau erhob ihre Stimme: „Und ich bin ein Nachfahre des Simeon von Jerusalem.“ Die, die sie verstanden hatten, sahen sich rätselnd an.

Durch starke Willenskraft und Mobilisierung ihrer letzten Reserven schaffte sie es, den Radius der Hörbarkeit ihrer Stimme um 50 cm zu erweitern: „Die Rettung für uns alle ist nah!“ Gott schüttelte den Kopf. Diese Sprüche hatten schon vor 2000 Jahren nur Kopfschütteln hervorgerufen. Aber niemand der Propheten schien auch nur auf die Idee gekommen zu sein, auf ein ‚Der / die / das Sonstwas ist nah’ bei seiner Vorstellung zu verzichten.

Die Wirkungslosigkeit ihrer Worte schien die alte Frau nicht zu kümmern und so fuhr sie fort: „Gott selbst hat mir die Gewißheit gegeben, daß ich noch vor meinem Tod den von ihm versprochenen Retter mit meinen eigenen Augen sehen werde.“
‚Das ist glatt gelogen’, dachte Gott. Aber Gott war sich in seiner Unfehlbarkeit sicher, daß wenn er jetzt aufspringen und laut ‚das habe ich nicht’ rufen würde, er nicht zur Klärung der Situation beitragen würde.

Simeon setzte sich wieder in Bewegung. Keiner machte Anstalten, sie aufzuhalten. Der Pastor ging allem Anschein nach davon aus, daß es sich um eine Verwandte der Taufeltern handeln würde. Er hatte eh von seiner Position nur Bruchstücke der Flüsterworte verstanden. Und so dachte er sich nichts dabei, als er zum Schrecken von Angela und den übrigen umherstehenden Personen sogleich auf die ausgestreckten Arme von Simeon einstieg und ihr Immanuel hinüberreichte.

Sie guckte das Kind nur sehr kurz an, sich des Umstands sehr wohl bewußt, daß dieser Moment sehr kurz sein würde und sprach im Stil eines stimmlosen ‚Zu Risiken und Nebenwirkungen’-Sprechers: „Herr, du hast dein Versprechen gehalten! Nun kann ich in Frieden sterben...“, Gott horchte auf, „..Denn ich habe mit eigenen Augen gesehen, daß du dein rettendes Werk vor aller Welt begonnen hast.“ Die letzten Worte gingen schon im Tumult um die Entreißung von Immanuel aus ihren Händen unter. Sowohl Angela als auch ihre Schwiegermutter hatten im selben Moment den inneren Drang verspürt, Immanuel retten zu müssen. Nur ein beherztes Eingreifen des Pastors verhinderte die Auskugelung entweder eines Arms oder eines Beines von Immanuel.

Simeon ließ sich ohne Gegenwehr von einem Cousin von Kevin aus der Kirche geleiten. Ihre Worte von Aufrichtung und Fall, innersten Gedanken und einem scharfen Schwert gingen unter dem leisen Schlürfen ihrer Schritte ungehört unter.

Daß als der Cousin die Kirschentür öffnete, um Simeon in den kalten Märzvormittag zu entlassen, schon die nächste Prophetin davor stand und diese Situation zum unbemerkten Hineinschlüpfen nutzte, ließ Gottes Stimmung nicht steigen.

Diese Prophetin, die sich Hanna nannte, war noch älter und gebrechlicher als Simeon. Und zum Leidwesen aller Anwesenden war sie auch noch schlechter zu Fuß. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie zum Altar geschlichen war. Zumindest war ihre Stimme besser zu verstehen und so kam sie zwar noch dazu, sich vorzustellen und irgend etwas von „seit fast fünfzig Jahren keinen echten Mann mehr gehabt“ zu faseln. Ihre dabei umherwandernden lüsternen Blicke bemerkte aufgrund der praktisch bis zum Unterlid reichenden Stirnfalten nur Gott, der verkrampft zur Decke schaut, als würde ihn das aufgemalte Bildnis eines goldenen Kalbes wirklich interessieren. ‚Lass es schnell vorübergehen’ sprach Gott lautfrei zu sich selbst.

Dieses Mal nahm sich ein Onkel von Angela der Sache an. Hannas Lobpreisungen an Gott wurden vom allgemeinen Tumult des Hinausgeleitens geschluckt. Gott tat so, als würde er von alle dem nichts bemerken und starrte noch gebannter auf eine Strichmännchenzeichnung unter der in krickeliger Schrift „Aaron“ geschrieben stand. Erst als er hinter sich das Schloß der Tür scheppern hörte, traute Gott sich den Blick zu senken. Beruhigt stellte er unter Einsatz seiner göttlichen Fähigkeiten fest, daß im Umkreis von 5km kein weiterer Prophet zu erkennen war.

So konnte das Zeremoniell ungestört weiter gehen. Der Pastor atmete tief durch, Immanuel hatte das Schreien wieder aufgenommen, Angelas Schwiegermutter schleuderte böse ‚Du bist an allem schuld’-Blicke in Richtung ihrer Schwiegertochter und Gott belegte sicherheitshalber sämtliche Kirchentüren mit einem kurzfristigen Unbeweglichkeitsbann. Alle Beteiligten wollten merklich die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Der Pastor fuchtelte eilig mit etwas Weihwasser über Immanuels Kopf herum, der Segen Gottes wurde empfangen, zwei weitere Lieder unter Weglassung des Vorspiels gesungen und dann war es vorbei.

Eilig machten sich alle zum vorbereiteten Mittagessen in einer nahegelegenen Gastwirtschaft oder zur nächsten Wundervollbringung auf. So schnell waren alle verschwunden, daß keinem der weiße Krankenwagen auffiel, der eine allem Anschein nach sehr verwirrter alte Frau transportierte, die beim nahegelegenen Sky-Markt sämtliche Kunden und Angestellte im Kassenbereich mit der Geschichte von einem Kind, der angeblich der Erlöser sei, belästigt hatte.